Myôhô

Moderator: Jojo

Namaste!

Beim Chanten des Daimoku - "Nam(u)-Myôhô-Renge-Kyô" bekundet man ja wörtlich seine Ehrerbietung bzw. Zufluchtnahme in das "Mystische / Wunderbare Gesetz des Lotos-Blumen-Sutras".

Es ist etwas länger her, dass ich das Lotos-Sutra komplett gelesen habe. Derzeit lese ich regelmäßig nur die Versteile von "Hôben" (Geschickte Mittel) und "Nyorai-Juryo-hon" (Des Tatagatha Lebensdauer); aber darin soll ja sozusagen die Essenz / der Kern des Sutras enthalten sein, ebenso wie im Daimoku, welches das Ganze dann quasi "auf den Punkt bringt".

Ich habe mich aber schon oft gefragt:
"Gibt es eine allgemein anerkannte Definition des Mystischen / Wunderbaren Gesetzes?"
bzw.
"Was ist dabei, also beim Myô-Hô genau gemeint?"

Ich habe mir dazu zwar auch schon meine eigenen Gedanken gemacht, aber das sind halt nur "meine" Konzepte...

Hat sich damit schon mal jemand von Euch intensiver auseinander gesetzt, mit dieser Frage, oder gar mal einen Experten hierzu befragt?
Kann jemand von Euch dieses "Myô-Hô" auf den Punkt bringen und erläutern?

Vielen Dank & schönen Sonntag!
< gasshô >

Benkei

Namu-Myôhô-Renge-Kyô
Hi Benkei,

Iwo sah ich die Definition von Myô und Hô .

Für mich bedeutet es Dharma, Blüte , So !
Ein Zen Meister würde das nicht gelten lassen.


Der Meister zum Lotus Sutra Gelehrten: Du ! Was ist das erste Wort des Sutra ?

Der Gelehrte: (myo) Hô !

Der Meister: Was bedeutet das ?

Der Gelehrte wusste keine Antwort.


Liebe Grüße
Blue_
Namaste!

Hallo Blue_aprico,

natürlich ist mir die Bedeutung / Übersetzung der Schriftzeichen myô und geläufig.

Mir geht es hier aber ausschließlich um dieses spezielle "Myôhô", auf welches sich das Daimoku bezieht.

Anders gefragt:
"Was ist dieses Mystische Gesetz, dieser Wunderbare Dharma, und worin unterscheidet er sich ggf. von den anderen Lehren Gautamas?"

Das soll hier auch keineswegs als Kôan gelten, sondern einfach in Erwartung einer "gewöhnlichen" Erklärung.

< gasshô >

Benkei

Namu-Myôhô-Renge-Kyô
Hallo Benkei,

gute Frage... Also laut dem Princeton Dictionary of Buddhism, Stichwort "Namu myôhô rengekyô":

"Myôhô refers to the ´sublime dharma´ of the nonduality of enlightenment and ignorance."

Interessant, das ist jetzt nicht das, womit ich spontan gerechnet hätte... Aber das ist eine gute Frage, um noch ein bisschen mehr Quellen und Literatur zu konsultieren.
Wie passt das zu deinen bisherigen Betrachtungen/Überlegungen?
Namaste!

Hallo Sôhei,
Sôhei hat geschrieben:
gute Frage... Also laut dem Princeton Dictionary of Buddhism, Stichwort "Namu myôhô rengekyô":

"Myôhô refers to the ´sublime dharma´ of the nonduality of enlightenment and ignorance."

Interessant, das ist jetzt nicht das, womit ich spontan gerechnet hätte... Aber das ist eine gute Frage, um noch ein bisschen mehr Quellen und Literatur zu konsultieren.

Wie passt das zu deinen bisherigen Betrachtungen/Überlegungen?

Die "Nichtdualität von Erleuchtung und Verblendung" klingt für mich schon irgendwie nach Tendai Chigi's "Maka Shikan: Endon Shô".

Aber das würde ich so - aus meiner Erinnerung an das Lotos-Sutra selbst - und aus den Versteilen der Kapitel 2 und 16 nicht für offenkundig halten.
Man könnte es da vielleicht reinlesen, aber das bedarf dann doch einiger Erklärungen.

Persönlich habe ich mir da zwar auch schon Gedanken zu gemacht, zum "Myôhô" und den Kapiteln 2 und 16 des Sutras, welche ja die Essenz bilden sollen, aber das sind wohl eher unorthodoxe, eigene Gedanken und Interpretationen, die jetzt erstmal von Thema, nämlich der offiziellen Bedeutung/Interpretation des Myôhô, wegführen würden.

Ich hatte also gehofft, dass mir jemand den Inhalt des "Mystischen Dharma" nach traditioneller Sichtweise [Tendai Shû, Nichiren Shû, meinetwegen auch Nichiren Shôshû] erklären kann und auf die entsprechenden Passagen des Lotos-Sutra hinweisen kann.

Immerhin nimmt der Nichiren-Buddhist ja darin seine Hauptzuflucht, bzw. der SG-ler ja sogar ausschließlich. Dann müsste er doch auch eigentlich wissen, worin er da gegenständlich Zuflucht nimmt...?

< gasshô >

Benkei

Namu-Myôhô-Renge-Kyô
Hallo Benkei,

ich bin nicht ganz sicher ob ich das dem Lexikon zufolge richtig verstanden habe: myôhôrengekyô ist die Übersetzung, die Kumarajiva für das Saddharmapundarika-Sutra gewählt hat. Was "weißer" oder "wahrer" Lotos bedeuten kann. Demnach wäre die Antwort auf die Frage, was mit myôhô gemeint ist, eigentlich nicht im Sutra selbst zu verorten.

Also wäre vermutlich der ursprünglichste Anlaufpunkt, versuchen Informationen zu bekommen, was Kumarajiva sich dabei gedacht hat.

An zweiter Stelle dann Interpretationen aus der Tendai-Schule.

Und zuletzt für die Nichiren-shû: wie sieht es denn mit den Werken von Nichiren aus, findet sich da nichts?
Z.B. Nr. 14 der Ausgabe "Die Schriften Nichiren Daishonins", "Das Daimoku des Lotos-Sutra", da ist was zur Bedeutung der einzelnen Silben drinne.

Oder Nr. 47: "Das Wesen des mystischen Gesetzes"

(Oder gehen meine Antwortversuch jetzt in die falsche Richtung?)
Benkei:
Was ist dieses Mystische Gesetz, dieser Wunderbare Dharma

Vor ein paar Monaten saß ich neben einem koreanischen Mönch, der sang davon. Seung Sahn meint: "Wenn du nicht verstehst, geh einfach immer geradezu- Weiß nicht. Mach dir keine Vorstellungen von irgendwas, halte an nichts fest, überprüfe nichts."
und worin unterscheidet er sich ggf. von den anderen Lehren Gautamas?"

Da gibt es eine Redewendung im Kommentar eines Koan, die besagt, dass Buddha "seine goldene Maske abnahm" als er die Udumbara Blume, eine ganz unscheinbare kleine Blüte, zwischen seinen Fingern drehte, und Mahâkâshyapa lächelte.

Liebe Grüße
Blue_
Namaste!

Hallo blue_aprico,
blue_aprico hat geschrieben:
Vor ein paar Monaten saß ich neben einem koreanischen Mönch, der sang davon. Seung Sahn meint: "Wenn du nicht verstehst, geh einfach immer geradezu- Weiß nicht. Mach dir keine Vorstellungen von irgendwas, halte an nichts fest, überprüfe nichts."
und worin unterscheidet er sich ggf. von den anderen Lehren Gautamas?"

Da gibt es eine Redewendung im Kommentar eines Koan, die besagt, dass Buddha "seine goldene Maske abnahm" als er die Udumbara Blume, eine ganz unscheinbare kleine Blüte, zwischen seinen Fingern drehte, und Mahâkâshyapa lächelte.

Das ist alles schön und gut, vom "Zen-Standpunkt" aus gesehen.

Aber manch eine Frage erwartet einfach eine "gewöhnliche" Antwort, also ohne aus der Frage gleich ein Kôan zu machen.

Wenn mich jemand auf der Straße fragt, wie er zum nächsten Kino kommt, dann zeige ich ihm die Richtung; erkläre ihm die Strecke.
Eine Antwort wie etwa: "Meide Zerstreuung; verweile im Hier-und-Jetzt!" wäre da aus meiner Sicht unangebracht.

Als mich hingegen mein neuer Nachbar (von dem ich vermute, dass er Buddhist ist oder zumindest "buddhistisch angehaucht") ansprach, als ich gerade mein Auto öffnete, ob ich kommen oder gehen würde, und ich wahrheitsgetreu antwortete, dass ich gerade von der Arbeit käme, da kam mir schnell der Gedanke, dass hier die Antwort "Kein Kommen, kein Gehen!" vielleicht passender gewesen wäre. Aber der Zug war erstmal abgefahren!
Manchmal weiß man es nicht...

Ratschläge wie Seung Sahn's "Geh einfach immer gerade zu - Weiß nicht" oder Suzuki Rôshi's "Vergiss es!" und sein Verweis auf den Anfänger-Geist sind für die Kôan-Arbeit im Speziellen, und für die Zen-Praxis im Allgemeinen mit Sicherheit sehr wertvoll.
Aber der Buddhismus ist umfassender; er spricht auch den Intellekt an, und manchmal erwartet man auf eine, nennen wir es mal "buddhologisch-philosophische Frage", eben eine entsprechende Antwort, die den Intellekt befriedigt und die entsprechenden Gedanken "voranbringen" kann.
Das mag vielleicht von der "Absoluten Zen-Ebene" her Zeitverschwendung sein, aber ich denke da gibt es weitaus unwichtigere Dinge, mit denen man im Tagesverlauf seine Zeit vertut.

Es gibt da diese Geschichte, wo sich Seung Sahn mit Kalu Rinpoche in einem Dharma-Gespräch messen soll, und letztlich geht es dann um ein "Orangen-Kôan", mit dem Kalu Rinpoche natürlich nix anfangen kann. Am Ende de Geschichte werden wohl Seung Sahns Schüler ihren Meister für den Sieger gehalten haben, während Kalu Rinpoches Schüler dessen Sieg deklarierten, da Seung Sahn kein wirkliches Dharma-Gespräch geführt hat, wie sie es aus dem tibetischen Buddhismus kennen. Für den unbeteiligten Zuschauer allerdings wird es einfach nur so erscheinen, dass da zwei angeblich erleuchtete Meister einfach aneinander vorbeigeredet haben... von Wegen "Nur ein Buddha erkennt einen Buddha"... aus meiner Sicht keine Werbung für den Dharma, sondern einfach nur ein Ereignis, dass die jeweiligen Schüler fester mit ihrem jeweiligen Meister verbindet, aber einen weiteren, umfassenderen Blick ihrerseits auf "das Eine Fahrzeug" vielleicht sogar verhinderte.

Wie dem auch sei...
Verzeih! Das war jetzt wahrlich meinerseitiges "Geschwätz"! :wink:


Hallo Sôhei,
Sôhei hat geschrieben:
ich bin nicht ganz sicher ob ich das dem Lexikon zufolge richtig verstanden habe: myôhôrengekyô ist die Übersetzung, die Kumarajiva für das Saddharmapundarika-Sutra gewählt hat. Was "weißer" oder "wahrer" Lotos bedeuten kann. Demnach wäre die Antwort auf die Frage, was mit myôhô gemeint ist, eigentlich nicht im Sutra selbst zu verorten.

Bin zwar kaum in Sanskrit bewandert, aber müsste der "weiße oder wahre Lotos" nicht das "Pundarika" sein, während das "Myôhô" im Saddharma ist, im "Mystischen Gesetz" [Sad-Dharma]?

Sôhei hat geschrieben:
Z.B. Nr. 14 der Ausgabe "Die Schriften Nichiren Daishonins", "Das Daimoku des Lotos-Sutra", da ist was zur Bedeutung der einzelnen Silben drinne.

Oder Nr. 47: "Das Wesen des mystischen Gesetzes"

(Oder gehen meine Antwortversuch jetzt in die falsche Richtung?)

Leider habe ich nur die alte Gosho-Fassung vorliegen, habe aber "Das Daimoku des Lotos-Sutra" darin gefunden, und das sieht schon recht vielversprechend aus, auch mit Bezügen zu einzelnen Passagen des Sutras, die ich noch nachlesen werde!

Vielleicht könnte darin "der Kern" verborgen sein!
Ich werde berichten.

Vielen Dank!


Allerseits einen schönen Sonntag!
< gasshô >

Benkei

Namu-Myôhô-Renge-Kyô
Ich hab mal meine Suchmaschien (Ixquick) befragt. Sie fand z.B. Wiki:

Myō-hō (妙法) kann als „wahres Gesetz (Dharma)“ oder „wunderbares Gesetz“ übersetzt werden. Eine weitere Bedeutung von Myō ist jedoch auch „mystisch“ und steht somit für die unsichtbaren unfassbaren Aspekte des Lebens, wohingegen hō (Gesetz, Dharma) für die sich manifestierenden Teile steht. Von Nichiren wird auch gesagt, dass er Myōhō mit „sich öffnen“ und „perfekt ausgestattet“ erklärt haben soll.

https://de.wikipedia.org/wiki/Nam%28u%2 ... e_Ky%C5%8D

Ansonsten fand ich unter http://www.hokkeko.de/sonstige_texte.htm, daß eine neuere Übersetzung (vom Martin Bradley) Myoho nicht mit Mystisches Gesetz, sondern mit Allheit des Dharma (Utterness of the Dharma) übersetzt. Von diesem gibts unter http://www.hokkeko.de/hokkeko.ca/intro3.htm auch ne Einführung ein kapitel namens Myoho hat (auf englisch).

Ansonsten hab ich irgendwie im Hinterkopf, das es von Chih-I Bücher über das Lotossutra gab, und er da auch den Titel erklärt haben müsste. Aber hab da nix dazu gefunden.

Übersetzt man es quasi als das wundervolle oder auch mystische Dharma (des Lotussutra), ist es freilich in allen Kapiteln des Lotossutra enthalten, auch in denen, die die Nichirenis favorisieren. Ich hab mal gelesen, das das Namu Myoho Renge kyo im Gohonzon den Schatzturm symbolisieren soll.

http://www.sgilibrary.org/search_dict.php?id=1491 meint dagegen Myo stehe für Buddhanatur oder Erleuchtung, ho für Dunkelheit/Verblendung und myoho für die Nichtgetrenntheit von beiden. Ist zwar von den einzelnen Worten her nicht so ganz nachvollziehbar, aber naja. Obwohl in den lehren diese Nichtgetrennthait sicher vorhanden ist. (Die haben wir ja auch im nembutsu).
Benkei hat geschrieben:

Bin zwar kaum in Sanskrit bewandert, aber müsste der "weiße oder wahre Lotos" nicht das "Pundarika" sein, während das "Myôhô" im Saddharma ist, im "Mystischen Gesetz" [Sad-Dharma]?



Ja das stimmt wohl. Was ich meine: die eigentlich naheliegende Übertragung wäre 正法 (shôhô) gewesen; aber Kumarajiva hat sich für 妙法 entschieden.
Benkei.


Äh :oops: ... fragst du nach dem "verborgenen Kern" des Lotus Sutra, des "Nichiren-Dharma" ? :|
Ich denke wie oben schon mal angdeutet, dass wir es mit drei Strängen zu tun haben:

1) Die Deutung von Kumarajiva, d.h. warum er sich für die Bezeichnung myôhô entschieden hat (anstatt shôhô).

2) Die Deutung der T´ian-tai und Tendai-Schule und ihrer Gelehrten.

3) Die Deutung von Nichiren.

Die drei können ja durchaus voneinander abweichen.
Hab doch noch was aus der tendai-Ecke gefunden.

http://www.tientai.net/teachings/Sat/Myo1.htm

Und hier noch was aus der Nichiren-Ecke:

What is the Mystic Law of the Lotus Sutra?

Vielleicht auch das Thema berührend: http://www.nst.org/articles/myoho-renge-kyo/
Artikel von einer Nichiren Shoshu-Tempel-Seite
Da fällt mir doch direkt ein, dass hier:

Der Meister zum Lotus Sutra Gelehrten: Du ! Was ist das erste Wort des Sutra ?
Der Gelehrte: >Sho !<

stand - und nicht (myo)ho.

...Vermutlich wurst und OT

_()_
Benkei hat geschrieben:
"Was ist dieses Mystische Gesetz, dieser Wunderbare Dharma, und worin unterscheidet er sich ggf. von den anderen Lehren Gautamas?"


Irgendwas am Lotos-Sutra ist extrem seltsam.

Mir kommt es so vor, wie eine Art "Meta-Sutra", dass beständig hinter das zurücktritt, was überhaupt in einem "Sutra" sagbar ist. Im Gleichnis vom brennenden Haus, ist das was der Vater den Söhnen sagt und vespricht (die einzelnen buddhitischen Lehren) hilfeiches Mittel um sie herauszulocken.

Was ist aber dann das Lotus-Sutra selbst? Ist es selbst auch nur ein "geschicktes Mittel" unter anderem oder nicht eher das Buch in dem das alles aufgezeigt ist. Das "Fachbuch über geschickte Mittel" und dadruch über das was jenseits davon liegt. Insofern ist es soetwas wie das "letztes Sutra", das was gerade noch erträglich und sagbar ist, ohne ganz dunkel und wirr zu werden.

Ich glaube es ist dieser Versuch , der das Lotos-Sutra hervorhebt.
Es ist so Meta wie es gerade noch geht ohne in den infiniten Regress zu geraten.
Namaste!

Ich hab mal etwas in meiner Gosho (Band 3, Kapitel "Das Daimoku des Lotos-Sutra) gelesen.
Sôhei hat geschrieben:
Ich denke wie oben schon mal angdeutet, dass wir es mit drei Strängen zu tun haben:

1) Die Deutung von Kumarajiva, d.h. warum er sich für die Bezeichnung myôhô entschieden hat (anstatt shôhô).

2) Die Deutung der T´ian-tai und Tendai-Schule und ihrer Gelehrten.

3) Die Deutung von Nichiren.

Die drei können ja durchaus voneinander abweichen.

Nicht zwangsläufig.
Nichiren verweist in genanntem Kapital seiner Gosho bei der Erklärung der Bedeutung der Silben des Daimoku auf die chinesischen T'ian-tai-Patriarchen Zhiyi, Chang-an und Miao-lo, so ich davon ausgehe, dass da kein Unterschied sein dürfte zwischen den o. a. drei Deutungen.

Ggf. mag es aber einen Unterschied darin geben, wie die Nachfolger Nichirens dessen Gosho (um)deuten...
das wäre für mich persönlich dann aber wieder eher uninteressant.

void hat geschrieben:
Irgendwas am Lotos-Sutra ist extrem seltsam.

Mir kommt es so vor, wie eine Art "Meta-Sutra", dass beständig hinter das zurücktritt, was überhaupt in einem "Sutra" sagbar ist. Im Gleichnis vom brennenden Haus, ist das was der Vater den Söhnen sagt und vespricht (die einzelnen buddhitischen Lehren) hilfeiches Mittel um sie herauszulocken.

Was ist aber dann das Lotus-Sutra selbst? Ist es selbst auch nur ein "geschicktes Mittel" unter anderem oder nicht eher das Buch in dem das alles aufgezeigt ist. Das "Fachbuch über geschickte Mittel" und dadruch über das was jenseits davon liegt. Insofern ist es soetwas wie das "letztes Sutra", das was gerade noch erträglich und sagbar ist, ohne ganz dunkel und wirr zu werden.

Ich glaube es ist dieser Versuch , der das Lotos-Sutra hervorhebt.
Es ist so Meta wie es gerade noch geht ohne in den infiniten Regress zu geraten.

Nach der genannten Gosho-Stelle scheint genau das der Punkt zu sein!

Nichiren versucht in seiner Gosho anhand von Passagen aus dem Lotos-Sutra und anhand der entsprechenden Kommentare der T'ien-tai-Meister zu verdeutlichen, dass das Lotos-Sutra nicht einfach nur irgendeine Lehre Buddhas, also irgendein Dharma [Hô] verkündet, und auch nicht einfach "nur" eine großartige Lehrschrift des Buddhas [Dai-Kyô] , sondern dass es die höchste und unfassbarste und deshalb mystische Lehre überhaupt ist!
Die Medizin also, die im Gegensatz zu allen anderen - vorläufigen oder "geschickten" - Medizinen das Potential hat, alle Wesen ausnahmslos zu erretten.

Das ganze "mystische" Ausmaß verdeutlicht Nichiren dann darin, dass er das Sutra in diverse mystische Prinzipien unterteilt, z. B.
die Zwei Prinzipien - Gegenüberstellung der ersten 14 Kapitel und der letzten 14 Kapitel,
die Zwanzig Prinzipien - 10 in der theoretischen und 10 in der wesentlichen Lehre, usf.
bis hin zu der Aussage, dass ein grundlegendes mystisches Prinzip allen 69.384 Schriftzeichen des Lotos-Sutras zu Grunde liegt.

Ich denke, der grundlegende Gedanke hinter MYÔ ist die Hervorhebung dieses Sutras gegenüber allen anderen.
Es soll verdeutlichen, dass das Lotos-Sutra noch erhabender ist als selbst die höchsten Mahayana-Sutras.

Und durch die Verwendung eines Adjektives wie "mystisch" bleibt es doch immer irgendwie entrückt - wie void schon anzudeuten weiß - man kann sich letztlich doch nie ganz sicher sein, die vollständige Bedeutung erfasst zu haben, denn man befindet sich - von der Verstandesebene her- in einem absoluten Grenzbereich.


Intellektuell ist das nun vielleicht keine Antwort, die ich mir so erhofft hatte - ich hatte mit einer einleuchtenden, einfachen Erklärung gerechnet - aber es ist doch eine, welche meiner Grübelei erstmal ein Ende setzt; "Der Tanz der Worte endet, und der Tanz des Ganz-Anderen beginnt!" :wink:

< gasshô >

Benkei

Namu-Myôhô-Renge-Kyô
Benkei hat geschrieben:

Das ganze "mystische" Ausmaß verdeutlicht Nichiren dann darin, dass er das Sutra in diverse mystische Prinzipien unterteilt, z. B.
die Zwei Prinzipien - Gegenüberstellung der ersten 14 Kapitel und der letzten 14 Kapitel,
die Zwanzig Prinzipien - 10 in der theoretischen und 10 in der wesentlichen Lehre, usf.
bis hin zu der Aussage, dass ein grundlegendes mystisches Prinzip allen 69.384 Schriftzeichen des Lotos-Sutras zu Grunde liegt.


In anderen Traditionen scheint es ähnliche Probleme zu geben.
Mich erinnern die Bemühungen um das Myō - wenn auch nicht 1 zu 1 - an die Ebene Sod
beim rabbinisschen Tora-Studium nach der PaRDes-Typologie.......

_()_
Namaste!

Beachtlich an der genannten Gosho-Stelle (Band 3 meiner Gosho, Kapitel "Das Daimoku des Lotos-Sutra"), welche Nichiren Shonin 1266 im Seichô-ji schrieb, also in seinem 44. Lebensjahr, ist wohl auch, dass er darin das Nenbutsu nicht zurückweist oder gar verteufelt, sondern nur die (übliche) Sichtweise der Nenbutsu-Anhänger(innen - diese Gosho schrieb er einer Frau), dass man sich hauptsächlich auf das Nenbutsu konzentrieren sollte.

Nichiren meint beispielsweise: "Frauen, die ihren Glauben in das Lotos-Sutra setzen, sollten 60.000, 100.000 oder gar zehnmillionenmal am Tag Nam-Myôhô-Renge-Kyô chanten, und wenn sie dann noch etwas Zeit übrig haben, können sie immer noch ab und zu den Namen von Amida oder anderer Buddhas murmeln."
Klingt nun zwar nicht ganz realistisch - ist aus meiner Sicht aber ein Zugeständnis, dass ich von ihm ansonsten so noch gar nicht kannte. Immerhin :)

Benkei hat geschrieben:
Ich denke, der grundlegende Gedanke hinter MYÔ ist die Hervorhebung dieses Sutras gegenüber allen anderen.
Es soll verdeutlichen, dass das Lotos-Sutra noch erhabender ist als selbst die höchsten Mahayana-Sutras.

Und durch die Verwendung eines Adjektives wie "mystisch" bleibt es doch immer irgendwie entrückt - wie void schon anzudeuten weiß - man kann sich letztlich doch nie ganz sicher sein, die vollständige Bedeutung erfasst zu haben, denn man befindet sich - von der Verstandesebene her- in einem absoluten Grenzbereich.

Zu diesem Thema passt dann auch sehr gut Meister Dôgen's Shôbôgenzô Hokke ten Hokke in dem er die Überlegenheit der Lehren des Lotos-Sutra anhand einer Geschichte um den Sechsten Patriarchen und einen seiner Nachfolger darlegt und auch die Tatsache herausstreicht, dass das Lotos-Sutra lehrt, dass es vom absoluten Standpunkt aus keine Drei Fahrzeuge [Hinayana, Pratyekayana und Mahayana] gibt, sondern nur eines, welche alle anderen Lehren umfasst [Ekayana].

Dôgen Zenji schreibt insbesondere zum "wahren Lotos": "Fragt euch: Richte ich meine Übung aufs Weite [das Universum] oder aufs Enge [die Welt]? Seid von dieser Frage nicht überrascht und bezweifelt nicht ihren Wert; nehmt stattdessen das Prinzip von "Die wahre Lotosblume erleuchtet uns" an und übt in seinem Licht. Weites und Enges können nicht definiert werden, wir sollten das nicht versuchen. Stattdessen sollten wir danach streben, die wahre Blume der Lotos-Sutra zu klären."

< gasshô >

Benkei

Namu-Myôhô-Renge-Kyô
Benkei hat geschrieben:
Ich habe mich aber schon oft gefragt:
"Gibt es eine allgemein anerkannte Definition des Mystischen / Wunderbaren Gesetzes?"
bzw.
"Was ist dabei, also beim Myô-Hô genau gemeint?"

Namaste Benkei,

zur ersten Frage: definitiv nein. Zur zweiten muss ich etwas weiter ausholen, wobei ich gleich anmerken muss, dass ich mit Nichirens Lehre nur oberflächlich vertraut bin und das, was ich dazu weiss, hauptsächlich der sehr inspirierenden Bekanntschaft mit Susanne und Yukio Matsudo zu verdanken habe. Dr. Yukio Matsudo hat auch das deutschsprachige Standardwerk über Nichiren und seine Lehre (Nichiren, der Ausübende des Lotos-Sutra ISBN 3833407670) als Habilitationsschrift an der Uni Heidelberg verfasst, dass ich hier den am Nichiren-Buddhismus Interessierten ans Herz legen möchte.

Ich denke mal, es ist sinnvoll, sich der Bedeutung von "Myōhō" theoretisch nicht über das Daimoku, sondern über das bei Nichiren zentrale Prinzip des "hō'n-in-myō" anzunähern - das Daimoku wäre die praktische Art, sich anzunähern. In der Nichiren-Praxis (zumindest der der SGI) wird das "hō'n-in-myō" nach dem, was man mir erzählt hat, im dem Sinn verstanden, dass es stets möglich ist, neu zu beginnen oder sich zu entschließen, das Leben oder die Einstellung zu ändern. Von einer "Übersetzung" ist das allerdings weit entfernt. 'Hō'n-in-myō' (本因妙) heisst "mystisches Prinzip der wahren Ursache", wobei der Begriff "mystisch" in dieser Übersetzung wie auch beim "Myōhō" nicht ganz unproblematisch ist. "Myō" (妙) ist ein Begriff mit einem sehr weiten Bedeutungsspektum. Die Hauptbedeutung geht in die Richtung "wundervoll, erhaben, hervorragend". Nebenbedeutung u.a. "rein, unbefleckt" (als chinesische Übersetzung des Sanskritbegriffs pranīta), auch "verborgen, zugrundeliegend, mysteriös" (wobei mysteriös und mystisch bekanntlich zwei verschiedene Paar Schuhe sind). Was nun die Nebenbedeutung angeht, die mit "mystisch" bzw. "mystic" übersetzt wird, so beruht diese auf der Interpretation von "myō" (妙) als "fuka shigi" (不可思議, etwa "jenseits diskursiven Denkens") – was wiederum die chinesische Wiedergabe von Skrt. acintya ist. Nun ist zwar richtig, dass Myōhō 妙法 die Übersetzung von Skt. Saddharma सद्धर्म ist (so jedenfalls durch Kumārajīva eingeführt) - nur lässt sich सद्धर्म (anders als 妙法) auch beim besten Willen nicht als "mystisches Gesetz" übersetzen ...

Dieses "Prinzip" 'Hō'n-in-myō' findet sich so (durch diesen Begriff ausgedrückt) allerdings nicht im Lotossutra, sondern in einer der wichtigsten exegetischen Schriften zum Lotossutra, nämlich dem Fahua xuanyi (法華玄義, vollständiger Titel Miaofa lianhuajing xuanyi 妙法蓮華經玄義, T. 1716) des Gründers der Tiantai-Schule (天台宗) Zhiyi (智顗, 538-597) - einer der einflußreichsten Gestalten des ostasiatischen Mahayana. Nichiren Daishōnin wiederum kam bekanntlich aus der Tendai-Schule, also dem japanischen Ableger der Tiantai Zong, und bezog sich stark auf Zhiyis o.g. Werk, allerdings auf recht originelle Weise.

Zhiyi prägt den Begriff 本因妙 (Jap. 'hō'n-in-myō') bei seiner Exegese einer Passage des 16. Kapitels (dem sog. Lebensspanne-Kapitel) des Lotossutra: "Seitdem ich Buddha geworden bin, ist eine äußerst lange, ewige Zeit vergangen. Meine Lebensdauer beträgt eine unermessliche Zahl von Asamkhyeya-Kalpas und bleibt stets erhalten, ohne zu erlöschen. Gute Männer, einst praktizierte ich einen Bodhisattva-Weg, und die Lebensdauer, die ich dadurch erwerben konnte, ist immer noch nicht erschöpft. Sie wird noch doppelt so lange dauern wie bis hierher vergangen." (Übers. Margarethe v. Borsig). Zhiyi verweist auf die besondere Bedeutung dieser Passage, weil es hier um die (wahre) Ursache für das Erwachen (die Buddhaschaft) des historischen Buddha Śākyamuni geht. Vordergründig aufgefasst ist das "Praktizieren eines Boddhisattva-Weges" das "mystische Prinzip der wahren Ursache" (hō'n-in-myō); die zugehörige wahre Wirkung (hō'n-ga) ist das ursprüngliche Erwachen, dessen Manifestation in der Zeit das Erwachen des historischen Śākyamuni Buddha ist.

Zwischenbemerkung: kausale Bedingungen für das Erwachen spielen natürlich generell in der buddhistischen Soterologie eine zentrale Rolle und wurden/werden breit diskutiert. Außerhalb der Nichiren-Schule ist der gebräuchliche terminus technicus allerdings nicht 'hō'n-in-myō', sondern 'shō-in' (正因). Bei Zhiyi übrigens ist 'hō'n-in-myō' nur eines von zehn "mystischen Prinzipien", die er im Lotossutra identifiziert und hat insofern nicht die zentrale Bedeutung wie bei Nichiren.

Entscheidend für Zhiyis Argumentation ist, dass das "Praktizieren eines Bodhisattva-Weges" ohne Anfang (zeitlos) ist; das gleiche gilt wiederum für das ursprüngliche Erwachen Buddhas. Es geht Zhiyi mithin nicht um eine einfache kausale Beziehung (Ursache-Wirkung), vielmehr ist die Auffassung, Buddhaschaft (Erwachen, Erleuchtung) könne erlangt werden, irrig. Dies widerspräche der zentralen Mahāyāna-Lehre von der allen Wesen 'angeborenen' Buddhanatur – "alle Wesen" sind Buddha, die konkrete Erfahrung des Erwachens (die sog. Erleuchtung) ist mithin nicht ein "Buddha werden" sondern die Realisierung der seit jeher existenten Buddhanatur (oder des "ursprünglichen Erwachens"). Es besteht also zwar eine kausale Beziehung zwischen Bodhisattva-Praxis und Erwachen – aber zwischen Ursache und Wirkung besteht keine temporale Beziehung, kein "Vorher und Nachher". Das kann man wohl ruhig ein "mystisches Prinzip" nennen :wink:

Dies erklärt auch die Deutung der Nichiren-Schule des "mystischen Prinzips der wahren Ursache" als Verweis auf den gegenwärtigen Augenblick, das Hier und Jetzt. Nichiren definiert das „mystische Prinzip der wahren Ursache“ als das „Gesetz von Nam-myōhō-renge-kyō“ (das steht so natürlich nicht im Lotossutra und auch nicht bei Zhiyi) und setzt es mit der mystischen nichiren-buddhistischen Praxis des Chantens des Myōhō-renge-kyō vor dem Gohonzon als "Rückkehr zum Ursprung des Lebens" gleich. Das ist aus seiner Sicht die Bodhisattva-Praxis, von der Śākyamuni Buddha im Lotossutra spricht.

Das ist natürlich eine sehr nichiren-spezifische Lehre, die von vielen Buddhisten als heterodox abgelehnt wurde (und wird). Noch weniger Zustimmung von Buddhisten außerhalb der Nichiren-Schule findet Nichirens selbstbewusste Auffassung, er selbst sei (als Offenbarer des "Gesetzes von Nam-myōhō-renge-kyō") der wahre Buddha von hō'n-in-myo, also der Buddha der "wahren Ursache", und damit Manifestation aller drei Gestalten Buddhas nach der Sanjin- (Trikāya-)Doktrin, während alle anderen Buddhas einschließlich des historischen Buddha Śākyamuni lediglich den einen Aspekt der wahren Wirkung (hō'n-ga) manifestieren.

()
Namaste!

Hallo Sudhana,

Das Standard-Werk, "Nichiren - Der Ausübende des Lotos-Sutras", kenne ich natürlich.

Vielen Dank für Deine inspirierende Einschätzung.
Ich habe mittlerweile akzeptiert, dass das "Myôhô" einerseits "mystische" bleiben wird, aber andererseits auch gar nicht so intellektuell verstanden werden kann, wie ich es mir erhofft hatte.
Einige Deiner Zeilen spenden mir aber gerade in der gegenwärtigen Situation etwas Trost - auch deshalb vielen Dank! :D

Sudhana hat geschrieben:
Noch weniger Zustimmung von Buddhisten außerhalb der Nichiren-Schule findet Nichirens selbstbewusste Auffassung, er selbst sei (als Offenbarer des "Gesetzes von Nam-myōhō-renge-kyō") der wahre Buddha von hō'n-in-myo, also der Buddha der "wahren Ursache", und damit Manifestation aller drei Gestalten Buddhas nach der Sanjin- (Trikāya-)Doktrin, während alle anderen Buddhas einschließlich des historischen Buddha Śākyamuni lediglich den einen Aspekt der wahren Wirkung (hō'n-ga) manifestieren.

Ich denke, dieses
Nichiren Shonin = Der Wahre Buddha
ist etwas, dass er so nie gesagt hat - jedenfalls nicht in den Stellen der Gosho, die ich bislang gelesen habe.
Das ist nur eine Sichtweise, nämlich diejenige der Nichiren Shôshû bzw. der Soka Gakkai.
Andere Nichiren-Schulen, z. B. die Nichiren Shû, sehen Nichiren "nur" als "Bodhisattva aus der Erde" an.

< gasshô >

Benkei

Namu-Myôhô-Renge-Kyô
Hallo Benkei
Nichiren Shonin ist eher zu übersetzten als weiser Nichiren, gebräuchlich in den meisten Schulen des Nichiren Buddhismus
Nichiren Daishonin zu übersetzten als großer weiser Nichiren, vornehmlich in der Nichiren Shoshu und deren Abspaltungen inklusive der SGI. Diese letzteren verehren Nichiren auch als Buddha.

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