Buddhistische "Trauer - Begleitung" ?

Moderator: void

Der Umgang mit Sterben, Tod und Vergänglichkeit sollte zum Alltag jeder buddhistischen Praxis gehören. Wenn jemand gestorben ist, sind die Angehörigen häufig verzweifelt, sie müssen normalerweise einen Prozess durchmachen (Trauerarbeit). Was meint ihr? Gibt es besondere, buddhistische Methoden, jemanden durch die Trauer zu begleiten?

Natürlich würde mir da insbesondere "Mitgefühl" einfallen. Aber wie äußert sich dieses Mitgefühl in der konkreten Situation? Mitgefühl ist der Wunsch, dass diese Person nicht mehr leidet und frei ist von den Ursachen des Leids. Nun leidet aber eine Person, die trauert besonders intensiv. Die Ursachen des Leids sind eindeutig (der Verlust eines lieben Menschen), das kann nicht mehr rückgängig gemacht werden.

Mir fällt auch ein, dass es kulturelle Unterschiede gibt im Umgang mit Trauer. Andere Kulturen scheinen mit Trauer einen offeneren und leichteren Umgang zu haben als die deutsche Kultur.
Gibt es besondere, buddhistische Methoden, jemanden durch die Trauer zu begleiten?

In meinen Augen: Nein.
Ich finde, einfach Mitmensch sein.
Wenn jemand einen bestimmten kulturellen und religiösen Hintergrund hat, dann kann man sich erkundigen, wie das dort gehandhabt wird und passt sich an. Man kann Freunde und andere Angehörige um Rat fragen, die engsten Trauernden selbst.
Dann versuchen geduldig zu bleiben und dem Anderen seinen Schmerz zu lassen, ihm die Zeit lassen.
Jeder hat einen anderen Charakter und so kann auch die Unterstützung aussehen: Die einen versorgen gerne, die anderen erledigen schwierige Gänge, wieder ein anderer hilft im Haushalt und bei der Versorgung der Kinder, ein anderer kocht was, noch ein anderer sorgt für ein wenig Heiterkeit und Abwechslung, usw.
Der Schmerz über den Tod eines Nahestehenden kann ratlos machen. Dann ist man eben ratlos und teilt diese Ratlosigkeit.
Kurz: Bedürfnisse ermitteln und sich dann gemäß seiner Fähigkeiten einbringen.
Ein mögliches allerdings überkonfessionelles Modell der Krisenintervention orientiert sich an der Buchstabenfolge BASIS:

B: Beziehung aufnehmen, Bindung schaffen
A: Assessment: Abschätzen der Handlungsfähigkeit, Explorieren der Bedürfnisse
S: Struktur schaffen
I: Informationen geben
S: Soziales Sicherheitsnetz spannen

Dies kann bei zeitnaher Anwendung Akute Belastungsreaktionen bei Betroffenen mildern bzw. Posttraumatischen Belastungsstörungen vorbeugen...
In einem anderen Thread zu dem Thema "Sterben" hatte ich schon auf das tibetische Totenbuch verwiesen. Ich weiß aber nicht, inwieweit es in der tibetischen Tradition inkludiert ist.

Meine Sichtweise ist, das meist die empfundene Trauer die Trauer um angeblich verpasste Situationen bedeutet. Oder um die Unmöglichkeit, weitere schöne Situationen zu erleben. Deswegen, finde ich, ist Anteilnahme und Rückbesinnung auf das Wesen des gegangenen Menschen wichtig.
Auch hat oft der Hinweis auf die Reinkarnation, das Weiterleben in der Familie sich hilfreich gezeigt.
"Er/Sie ist erst vergangen, wenn es niemand auf der Welt gibt, der nichz an ihn/sie denkt."

Nun für trauernde Buddhisten - Trauer entsteht durch Amhaftung.
Übe !!!
Ich habe dies vor langer Zeit verloren, manchmal denke ich, der Tod meines Vaters war auch ein Grund für mich, Suchender zu werden. Da mir die Antworten des Christentums nicht "halfen".

_()_

Edit: ich habe bewusst monitäre Fragen aussen vor gelassen.
Sherab Yönten hat geschrieben:
Der Umgang mit Sterben, Tod und Vergänglichkeit sollte zum Alltag jeder buddhistischen Praxis gehören. Wenn jemand gestorben ist, sind die Angehörigen häufig verzweifelt, sie müssen normalerweise einen Prozess durchmachen (Trauerarbeit). Was meint ihr? Gibt es besondere, buddhistische Methoden, jemanden durch die Trauer zu begleiten?


In der ÖBR gibt es eine Einrichtung für Trauerbegleitung: http://www.hospiz-oebr.at/trauerbegleitung/
Vielleicht ist es sinnvoll, auch zu überlegen, wie mit der eigenen Trauer umzugehen ist. Anmerken möchte ich, dass ich hierbei wenig Erfahrung besitze.

Mit dem Tod eines unersetzlichen Menschen wird die Quelle von Verbundenheit und Freude von uns gerissen, was ein tiefes Gefühl der Einsamkeit und des Verlustes bringt. Doch ist beispielsweise der Tod der eigenen Eltern ein normales Ereignis in einem Menschenleben und die damit verbundene Trauer zu bewältigen.

Der DL schreibt, dass Trauer helfen kann, mit dem Verlust fertig zu werden. Insofern ist sie gut für uns, auch wenn sie ganz sicher nicht angenehm ist, meint der Dalai Lama zur Frage nach der Eigenschaft von Trauer.

Eine positive Grundeinstellung ist sicher hilfreich. Doch können wir uns auf den emotionalen Prozess der Trauer kaum vorbereiten, sondern müssen uns der Trauer stellen. So schlimm das Ereignis ist, sollte es dennoch nicht zu Hass und Verzweiflung führen.

Die destruktive Seite der Trauer findet sich dementsprechend dort, wo wir ihrer lähmenden Wirkung längerfristig nichts entgegensetzen können, der Kummer sich verselbstständigt und zu einer Art geistiger Gewohnheit und Krankheit wird, schreibt der Dalai Lama.

Wie ist mit der Trauer anderer Menschen umzugehen? Die Frage scheint mir, ob die Bewältigung von Trauer einfach nur Zeit braucht, oder ob sich mit der Bewältigung ein Prozess der emotionalen Reifung ausdrückt. Denn um das Gefühl der Verlassenheit zu überwinden, scheint es doch hilfreich, das Gefühl der Verbundenheit mit den Menschen im Umfeld zu vertiefen. Grundsätzlich kann eigenes Leid auch Verständnis für die Nöte anderer schaffen. Folgt man dieser Überlegung, kann die Bewältigung von Trauer einen Gewinn an Bewusstheit, Einfühlungsvermögen bringen, eine Art „inneren Reichtum“.
Karnataka hat geschrieben:
Vielleicht ist es sinnvoll, auch zu überlegen, wie mit der eigenen Trauer umzugehen ist.


Hilfreich ist es wenn man darauf vorbereitet ist. Wenn mich beim Tod eines geliebten Menschen Trauer zu überwältigen droht, stelle ich mir die Frage: 'Hast du etwa gedacht, er wird ewig leben?'
Und nein, oft habe ich mir das eigene Ende und das der Anderen vor Augen geführt. Bei einer intensiven Beziehung bedacht dass sie zeitweilig ist. Wenn man sich nicht in der Illusion verliert etwas sei für die Ewigkeit, fällt das Loslassen leichter wenn es zu Ende ist. Und man kann, wenn auch betrübt, dem Abgeschiedenen auf seiner weiteren Reise von Herzen alles Gute wünschen anstatt ihn innerlich festhalten zu wollen.
Bei mir stellt sich auch gerade ganz aktuell die Frage, wie ich einem lieben Freund mit letaler Diagnose bei Seite stehen kann und dessen Angst vor dem Tod begegnen kann. Und das abseits des Buddhismus, denn dieser Mensch ist katholisch sozialisiert und kann wenig mit anderen "Denkansätzen" anfangen. Zu einer alternativen Sicht der Dinge ist er weder willens noch in der Lage. :(
Tulamben hat geschrieben:
Bei mir stellt sich auch gerade ganz aktuell die Frage, wie ich einem lieben Freund mit letaler Diagnose bei Seite stehen kann und dessen Angst vor dem Tod begegnen kann. Und das abseits des Buddhismus, denn dieser Mensch ist katholisch sozialisiert und kann wenig mit anderen "Denkansätzen" anfangen. Zu einer alternativen Sicht der Dinge ist er weder willens noch in der Lage. :(


Sehr schwierig ...

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Für wen?
Doris Rasevic-Benz hat geschrieben:
Für wen?


Für jemand, der die Vorstellungen des Sterbenden weder kennt noch teilt.

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Wahrscheinlich.
Bleibt doch der gemeinsame Nenner: Mensch.
@Doris
Imho ist das Sterben für die Menschen wissenschaftlich, monitär oder über soziale/religiöse Vorstellungen "erklärbar".

Wie willst Du jemandem, der rein pragmatisch das Sterben sieht und daraus seine Angst geriert, wirklich helfen ausser mit "FüreinanderDaSein".
Doch er könnte sagen: "Ich leide zu sehr, habe zu viel Angst, Du kannst mir nicht helfen, keiner kann mir helfen."

Die einzige "Chance" ist, dann zusammen mit ihm zu leiden, sich zu ängstigen ... doch wer ist schon ein Mahasattva oder Bodhisattva.

_()_
Ich verstehe rein sprachlich nicht, was Du meinst.
Kannst Du das bitte noch einmal anders formulieren?
@Doris
Menschen, die soziale oder religiöse Vorstellungen vom Sterben haben, kann man damit helfen.
Doch wer Sterben nur wissenschaftlich oder aus der Sicht "Nun stirbt der Versirger" sieht, hilft man damit nicht.

Was kann man dann tun?
Sei bei ihm. Fühle mit ihm zusammen das Leiden und die Angst.
Diese Fähigkeit, mit dem anderen so zu leiden, das ihm/ihr geholfen wird, wird Bodhisattvas oder Mahasattvas zugeschrieben. Doch wer ist das schon.
Deswegen schrieb ich "Sehr schwer"

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Habe verstanden. Danke.
Das deckt sich mit meiner Meinung.
Tulamben hat geschrieben:
Bei mir stellt sich auch gerade ganz aktuell die Frage, wie ich einem lieben Freund mit letaler Diagnose bei Seite stehen kann und dessen Angst vor dem Tod begegnen kann. Und das abseits des Buddhismus, denn dieser Mensch ist katholisch sozialisiert und kann wenig mit anderen "Denkansätzen" anfangen. Zu einer alternativen Sicht der Dinge ist er weder willens noch in der Lage. :(


Was ist eine "letale Diagnose"?
Für mich gehört es dazu, dass dem Trauernden die Möglichkeit eingeräumt wird über den Verstorbenen zu reden. Häufig ist es so, dass der Name des Verstorbenen aus dem Wortschatz der Freunde oder weiteren Angehörigen verschwindet. Für den Trauernden ist es dann so, als ob er dann ein zweites Mal sterben würde.

Wenn man sich fragt "was kann man für den Verstorbenen noch tun?" dann werden diese Handlungen zu "spirituellen" Handlungen. Sei es, dass man das Haustier füttert oder die Wünsche des Verstorbenen bzgl. seiner Bestattung akzeptiert und hilft, diese umzusetzen. In der ersten Phase der Trauer sollte der Trauernde m.E. keineswegs "loslassen", sondern versuchen, einen Platz für ihn in seinem Leben (in seinem Herzen) zu finden. Das geht in die Richtung von BASIS, was der User nabnab :eek: erwähnt hat.
Sherab Yönten hat geschrieben:
Tulamben hat geschrieben:
Bei mir stellt sich auch gerade ganz aktuell die Frage, wie ich einem lieben Freund mit letaler Diagnose bei Seite stehen kann und dessen Angst vor dem Tod begegnen kann. Und das abseits des Buddhismus, denn dieser Mensch ist katholisch sozialisiert und kann wenig mit anderen "Denkansätzen" anfangen. Zu einer alternativen Sicht der Dinge ist er weder willens noch in der Lage. :(


Was ist eine "letale Diagnose"?


letal = tödlich
Es ist vielleicht an der Zeit zu schildern, wie ich damit klarkomme.

Du hast Recht, Sherab, mir ist es sehr wichtig, den lieben Verstorbenen in Gedanken bei mir behalten zu können. Also über ihn reden zu dürfen, ich möchte hören, was andere über ihn sprechen und erzählen. Ich möchte Rituale durchführen können und mit meinem lieben Verstorbenen Gespräche führen. Ich möchte Dinge in seinem Namen tun, und mich auf all die guten Dinge besinnen, auf das, mit dem ich beschenkt wurde und was mir Gutes getan wurde. Ich will auch über Konflikte reden, über Unstimmigkeiten und Missverständnisse. Ich will alle Emotionen haben dürfen, ohne dass mich jemand versucht wieder "hinzukriegen". Ich will auch todtraurig und depressiv, verzweifelt sein, mich schuldig fühlen dürfen und mein Versagen benennen. Und und und.
Dabei darf mich jemand begleiten. Es wird aber anstrengend, wenn Andere das nicht aushalten und ich dann meine Emotionen nicht äußern darf, und gar noch andere in ihrer Hilflosigkeit angesichts meiner Trauer betütteln muss. Da erlebe ich Einsamkeit. Letztendlich komme ich aber sogar damit klar.

Eine Umarmung, wortlos und ohne das Ziel mich zum Schweigen bringen zu wollen, eine Umarmung, in die ich mich einfach hinfallen lassen darf, empfinde ich als die größte Erlösung. Den Rest überlasse ich Mutter Natur.
Tulamben hat geschrieben:
Bei mir stellt sich auch gerade ganz aktuell die Frage, wie ich einem lieben Freund mit letaler Diagnose bei Seite stehen kann und dessen Angst vor dem Tod begegnen kann. Und das abseits des Buddhismus, denn dieser Mensch ist katholisch sozialisiert und kann wenig mit anderen "Denkansätzen" anfangen. Zu einer alternativen Sicht der Dinge ist er weder willens noch in der Lage. :(


Soweit ich mich erinnere hat sich die christliche Kultur sehr ausführlich mit dem Tod befasst, da müssten sich Anhaltspunkte finden lassen.
"Ich finde, einfach Mitmensch sein"

Frau Benz hat damit vollkommen Recht.
Ich begleite ehrenamtlich Sterbende und deren Angehörige.

Man muss sich öffnen und einfach da sein.

Jeder Mensch ist anders.
Ich kann relativ gut zuhören und strahle eine Ruhe aus.
Das hilft mir und den Angehörigen.

In Asien gibt es ein Kloster wo unheilbare HIV Patienten ihre letzten Wochen verbringen.

Dort versuchen wir eine spirituelle Praxis zu entwickeln.
Ein junges Mädchen hat mit ihrer Mutter und mir 9 Wochen lang meditiert.
Beide fanden Frieden und Trost.

Bei Kindern ist es ein wenig anders. Ich lasse meinen inneren Clown frei. Humor löst viele Probleme.
Wenn Die Kinder lachen, lachen auch die Eltern.

Ein älterer Muslim wollte nicht das wir ihn und seinen Sohn begleiten.
Er hat stundenlang am Krankenbett geweint. Für den Sohn war es eine doppelte Qual.
Ich habe mir dann einen Koran besorgt.
Ich habe dem Vater viele Fragen zum Tod im Islam gestellt.
Die letzten Tage haben wir zusammen gebetet.
Der Vater hat sich beruhigt, der Sohn ist relativ ruhig gegangen.


Mögen alle Wesen frieden finden !

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