Nicht töten - Probleme in der Praxis

Moderator: void

Tychiades hat geschrieben:
Hauptsache Humor. Ich fand es auch interessant, ich hatte nur noch was zu erledigen und musste mich aus der Debatte lösen. :)

In dem Fall doch noch ein paar Erläuterungen nachgetragen. Fühle Dich bitte nicht zu einer Erwiderung (womoglich gar einer kurzfristigen) verpflichtet. Das Herzsutra verweist auf die Leere, was nicht dasselbe ist wie 'nichts' (aber das weisst Du natürlich). 'Leere' ist ein Werkzeug - eine 'Sicht'. Auch in Huinengs berühmter gātha heisst es nicht "ursprünglich ist da nichts" sondern "ursprünglich nicht ein Ding" (本来無一物). Interessant wird es dann natürlich mit dem folgenden, abschließenden Vers der gātha: woher fängt sich der "leuchtende Spiegel" den Staub ein? In diese Richtung geht auch meine Frage "ob das Denken der Sicht entspringt oder die Sicht dem Denken". Jedenfalls - Huineng spricht von einem "leuchtenden Spiegel" (wobei er Yogācāra-Terminologie aufgreift). Bodhidharma spricht in den isshinkaimon von der Selbst-Natur (自性) und bezeichnet sie als 'unfasslich [und] mysteriös' (sehr grobe Übersetzung der schillernden Begriffe 靈 und 妙). Natürlich heisst das nicht, dass es 'etwas zu sehen' gibt. Etwas 'unfasslich mysteriöses' oder das 'klare weiße Licht' (SCNR :) ). Natürlich kann man so etwas sehen - makyō. Aber das Auge sieht nicht sich selbst, der Spiegel spiegelt nicht sich selbst. 'Auge' und 'Spiegel' sind nicht 'Dinge', die es 'zu sehen gibt' - es sind Metaphern, bildliche Verdinglichung von 'Sicht' und von 'Spiegelung'.

Um die Brücke zum 'Staub' und den Gedanken zu schlagen - es gibt im Plattform-Sutra ein weiteres Paar von gāthas:
Ein Möch zitierte einen Vers des Dhyana-Meisters Wolun:

Wolun besitzt Geschick
ist fähig, die mannigfaltigen Gedanken abzuschneiden
was ihm begegnet, rührt seinen Geist nicht auf
Tag für Tag reift sein Erwachen

Als er dies hörte, bemerkte der Patriarch: Das ist keine Erleuchtung, sondern führt einen in Gefangenschaft. Höre meinen Vers:

Huineng entbehrt Geschick
kein Abschneiden der mannigfaltigen Gedanken
was ihm begegnet, rührt seinen Geist zwangsläufig auf
kann man Erwachen zur Reife bringen?

Natürlich ist es nicht ohne Belang, wie der Geist aufgerührt wird, welche mannigfaltigen Gedanken entstehen - was der Spiegel spiegelt. Huineng spricht in der Darlegung seines Verständnisses des achtfachen Pfades gegenüber Shenxius Schüler Zhicheng von einer Lehre, die nicht getrennt von der 'Selbst-Natur' ist (die uns schon oben bei Bodhidharma begegnete) - eine weitere Metapher. Metapher wofür? Z.B. für die 'Spiegelung' śīla. Huineng legt dar, śīla ist diese Selbstnatur, ist ihr 'Geistgrund' ohne Irrtum (prajñā und samādhi sind die anderen Aspekte dieses Geistgrundes). Spiegelung ohne Staub, um seine gātha aufzugreifen. Da entspringt das Denken der Sicht dieser Selbstnatur (was etwas anderes ist als eine Sicht von der Selbstnatur) und diesem Denken entspringt adäquates Handeln. Da braucht es keine Regeln und Gebote, keine 'formale Lehre', die einen laut Huineng nur die Selbstnatur aus den Augen verlieren lässt - anders gesagt: die rechte Sicht verlieren lässt.

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Sudhana hat geschrieben:
In diese Richtung geht auch meine Frage "ob das Denken der Sicht entspringt oder die Sicht dem Denken".


Ich lass mir deinen Beitrag noch ein wenig zu Gemüte gehen. Nur soviel zu deiner Frage: weder noch.
Es gibt für die Sicht oder für das Denken keinen Ursprung. Und der leuchtende Spiegel fängt sich auch keinen Staub ein. Der Staub ist der leuchtende Spiegel und der leuchtende Spiegel ist der Staub. Und weil sie nicht getrennt bzw. verschieden sind, ist die Frage von Huineng nach dem "worauf soll sich Staub legen?" genau so zu verstehen. Und dennoch müssen wir unsere Regale abstauben.
Wenn ich ohne Gier, Hass, Vorstellung getötet habe ist es ein langer Weg immer wieder zu prüfen ob es wirklich so war. Die unendlich vielen Vorstellungen was es bedeutet zu töten machen es schwer immer wieder den Staub der eigenen Vorstellungen das das Töten doch kein töten war zu beseitigen. Mein Glück war das es mir, außer von mir, nie vorgeworfen wurde. Es war immer eine Tat die getan wurde weil sie getan wird. Wobei ich nicht ausschließen WILL das da eher der Gedanke der anderen war: Hauptsache ich nicht, lass ihn man machen.
Noch heute bin ich meinem Opa und meinem Onkel dankbar für das Erkennen was Töten aus Gier und was einfach nur tun weil es jetzt zu tun ist ist. So konnte ich sogar ein einziges Mal erkunden was morden ist. Alister C. sagte einmal: Du musst alle Gebote mindestens einmal brechen um zu erkennen was sie bedeuten. Er hat wahrhaftig recht!
Um nicht nur zu kritisieren - Ich verstehe hier "Sicht" (見, ken) als das Schlüsselwort. Wenn der Dharma unauslöschlich ist, ist "Sicht von Auslöschung" falsche Sicht und nicht rechte Sicht (正見, shōken) oder rechtes Sehen (kenshō, 見正) - und dieses rechte Sehen wiederum ist das Sehen der 'Natur' (kenshō, 見性), von der in der ersten Zeile des mon die Rede ist. In jeder ersten Zeile aller zehn mon.

Sila: Wissen, wann sie offen sind, wann geschlossen.

Es darf kein Wille, keine Motivation, keine Absicht zum Töten vorhanden sein, dann hält man das Sila 'intuitiv'; der Dharma hat diesen Willen nicht, diese Absicht nicht, diese Motivation nicht,
so wenig wie ein Raubtier, das schlägt, oder ein Affe der sich laust, ...
Ja
Ursprünglich gibt es Nichts. Aber Buddha übte unbewegten Geist
unter dem Bodhi-baum sechs Jahre lang. Und neun Jahre lang saß Bodhidharma
schweigend in Sorim.

Man muss vorsichtig sein, wem man von Non-Dualismus spricht, die meisten Leute befinden sich auf Niveau 'drei Fahrzeuge', was einerseits ein unheilsames Dogma erzeugen kann, andererseits auch eine Madhyamaka "Sichtweise", die da meint, das ein Bruch kein Karma erzeugt.
Und das sind nur zwei Beispiele von 'Sichtweisen'.
@ ellivral:

Alister C.

Crowley hat nach der Maxime gelebt: Tue was du willst.
Dumm war er zwar nicht, aber da ist mir Augustinus schon näher am Dharma:
Liebe, und DANN tue was du willst. Sprach da aber natürlich von Liebe a la 'Hohelied der Liebe'.
Morpho hat geschrieben:
Man muss vorsichtig sein, wem man von Non-Dualismus spricht

Das ist sicher richtig - Verständnis von rikai kann sehr unterschiedlich entwickelt sein. Im Zweifelsfall ist es dann sicher ebenfalls richtig, auf der dualistischen Antonymie Einhaltung oder Bruch der Gelübde in Form ihrer konventionellen Formulierung (jikai) zu bestehen. Wenn man Mañjuśrīs Schwert schwingen will, muss man es am Griff und nicht an der Klinge packen oder man verletzt. Das gilt vor allem für Menschen, die als 'role model' bzw. kalyāṇamitra fungieren - wobei deren Verhalten als ihr 'sichtbar werden' das 'modellhafte' ist (und kalyāṇa nicht zufällig u.a. auch 'moralisch gut' bedeutet). Bei deren Prüfung ist der angemessene Maßstab, ihr Verhalten zu messen, jikai und nicht ein gemutmaßter Grad der Erleuchtung des zu Ermessenden.

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Morpho hat geschrieben:
andererseits auch eine Madhyamaka "Sichtweise", die da meint, das ein Bruch kein Karma erzeugt.

Hyakujōs Fuchs. Eine Antwort Dōgens darauf ist 'jinshin inga' ("Es ist unabdingbar, dass Übende das Kausalitätsprinzip zuerst klären, sonst werden sie für falsche Ansichten anfällig bleiben, ihre Übung wird sich verringern und schließlich werden sie überhaupt nichts Gutes mehr tun können") - eine andere 'daishugyō' ("Dem Buddha-Dharma gemäß besitzt der Fuchs die Erleuchtung angeboren. Wenn du die Große Erleuchtung hast, wird sich der Fuchs niemals von dir trennen; wenn du ihn jedoch wegwirfst, wirst du seine Erleuchtung niemals erleben. Dann hat der Fuchs keine Beziehung zum Buddha-Dharma – er ist nur ein einfacher Fuchs. Im wahren Buddhismus ist das nicht möglich").

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