Mitleids-Dealer und Mitleids-Junkies

Moderator: void

Eindrücke und Gedanken:

Mitleid ist eine Droge mit den üblichen Begleiterscheinungen.
Es gibt einen Markt, bestehend aus Dealer und Junkies.
Beide benötigen einander. Beide halten einander in Abhängigkeit. Beide zerstören einander. Beide haben eine ganze Palette an Rationalisierungen und einen ideologischen Überbau. Beide haben versteckte Codes, anhand derer sie einander finden. Es gibt geeignete gemeinsame und öffentliche Orte, an denen sie einander finden. Beide beeinträchtigen ihre Umgebung. Beide haben sich eine eigene Realität aufgebaut, nach der sie die Umgebung einordnen. Beide verbünden sich, sobald ihr gemeinsames System infrage gestellt wird. Beide werden sich gegen den jeweils Anderen wenden, sobald die Bedürfnisbefriedigung nachlässt. Beide machen den jeweils Anderen für ihre Abhängigkeit und ihre Situation verantwortlich. Beide machen die Anderen für ihre Situation verantwortlich. …

http://www.spektrum.de/news/empathie-la ... en/1485565
Verlässt man diesen Markt hat man ganz plötzlich große Verluste an "Freunden". Da man weder Dealer noch Junkie ist gibt es auch keinen Markt mehr für diese Droge Mitleid. Mitgefühl hat keinen Markt.
Helmut schrieb: Mitgefühl hat keinen Markt.
... ja, wie wunderbar! :) Es ist ein Geschenk - gegeben ohne Erwartung einer Gegenleistung. Niemand kann es einfordern.
In dem Empathieartikel (http://www.spektrum.de/news/empathie-la ... en/1485565) steht:

    Außerdem ist Empathie auch nicht damit zu verwechseln, seinen Nächsten mit liebevollem Wohlwollen (englisch: loving compassion) zu begegnen. Bei dieser in der fernöstlichen Meditationspraxis verbreiteten Haltung geht es darum, dem anderen Gutes zu wünschen und ihm beizustehen, ohne sich selbst mit ihm zu identifizieren. Besonders in helfenden Berufen im sozialen oder medizinischen Bereich ist es wichtig, auf diese Grenze zu achten. Wie Studien zeigen, löst Empathie häufig negative Emotionen beim Mitfühlenden aus - distanziertes Wohlwollen dagegen bringt eine bedingungslos positive Einstellung mit sich.

Ich sehe es so, dass man früher Empathie als prinzipiell gut gesehen hat, weil man dabei eine "wohlwollende Motivation" stillschweigend vorausgesetzt hat. Was falsch war, weil ja Zustände, wo man sich ampthisch aufeinander einschwingt, aus ganz unterschiedlichen Motivationen erfolgen können, die nicht mit Wohlwollen oder Altruismus einhergehen.

Das blöd ist ein wenig, das man sich selber ja immer eine wohlwollende Haltung attestiert d.h. sich selber für nett hält.
void hat geschrieben:
Das blöd ist ein wenig, das man sich selber ja immer eine wohlwollende Haltung attestiert d.h. sich selber für nett hält. .


Stimmt, das dachte ich von mir bis vor ein paar Monaten auch noch... 8)

Am un-nettesten bin ich dabei meist mir selbst gegenüber (glaube ich :? ).

Das gibt's doch bei de Mello: "Ich bin OK, Du bist OK" vs "Ich bin ein Arsch, Du bist ein Arsch, so what?".
Am un-nettesten bin ich dabei meist mir selbst gegenüber (glaube ich :? ).


Das gibt dem Ganzen noch mal einen besonders interessanten Drall.

Ich stelle fest, es gibt zwei Pole im Umgang mit sich selbst:einmal zu un-nett und einmal zu nett.
Das ist irgendwie die Personalunion von Dealer und Junky.
Ich glaube man ist nie einfach nur "zu nett" zu sich selbst oder zu "un-nett". Ich sehe das als zwei Seiten einer Medaille. Manchmal schleudert man die eine Seite der Medaille aus sich heraus und spielt das in verteilten Rollen mit einer anderen Person. Und umgekehrt, wer das Spiel mit einer anderen Person spielt, meint eigentlich immer sich selbst.
Im Beispiel:
Das Nörgeli. Also der Mensch, der immer an den Anderen herumnörgelt.
Er nörgelt im Grunde mit sich selbst herum. Aber weil das auf Dauer langweilig und schwer zu ertragen ist, nörgelt er an den Anderen herum.
:like:
mkha' hat geschrieben:
Helmut schrieb: Mitgefühl hat keinen Markt.
... ja, wie wunderbar! :) Es ist ein Geschenk - gegeben ohne Erwartung einer Gegenleistung. Niemand kann es einfordern.
In Bezug auf Doris` Beitrag:

Ich unterteile nicht (z.B. nett/ unnett, annehmbar/ unannehmbar etc.). Niemand muss sich für mich "die Figur verbiegen" - jeder nach seinem Naturell. Ich nehme mich und andere so an, wie wir im jeweiligen Augenblick sind und stehe dazu.

... aber: auch von mir möge bitte niemand erwarten, dass ich mich für irgendjemanden nach seinem Dafürhalten, (sprich so, dass es seiner Auffassung von Wohlfühlfaktoren gekoppelt mit der Gegenwart meiner Person entspricht), ändern werde. Bislang hatte ich mit dieser Devise Erfolg; sie funktioniert seit über sechs Jahrzehnten.

Rückblick: Es hieß, ich sei ein sehr "bockiges" Kinḍ gewesen, das nichts "einfach mal so" annahm, alles hinterfragte und nicht einsah, weshalb es Dinge lernen sollten, an denen es kein Interesse hatte. :wink: Ich wurde kurzer Hand internatsmäßig der Obhut katḥ. Nonnen übergebeṇ. Das Wichtigste, was ich dort lernte, war geistige Disziplin, ...

... eine hervorragende Grundlage für das Aufnehmen der Lehren der buddhistischen Philosophie (zumindest in der Tibetischen Gelugpa-Schule). :)

LG mkha'
Ellviral hat geschrieben:
Verlässt man diesen Markt hat man ganz plötzlich große Verluste an "Freunden". Da man weder Dealer noch Junkie ist gibt es auch keinen Markt mehr für diese Droge Mitleid. Mitgefühl hat keinen Markt.


Mitgefühl ist aber was anderes wie Mitleid.
Liebe mkha,

vielleicht erkläre ich noch einmal, was ich mit dem "nett" in diesem Zusammenhang meinte.

Ich spreche von der Projektion der eigenen Befindlichkeiten auf die Außenwelt. Sowohl "zu-nett" als auch "zu un-nett" sind Extreme. Da ist immer was Falsches, Destruktives, Hemmendes dabei. Das ist immer zu halb, als dass das Eine ohne das Andere existieren könnte.

Ich vermute, wenn ich zu mir "zu nett" bin, dass zum Ausgleich irgendwer "zu un-nett" sein muss, um des Gleichgewichts willen. Oft wird dieser irgendwer in der Außenwelt verortet. Kurz: Ich arme Sau vs. die böse Welt. Und umgekehrt.
Diese Dichothomie verschleiert natürlich, dass man mit so einer Aufteilung eigentlich gar nicht nett zu sich ist.

"Zu nett", das wäre für mich: überbehütend, schonend, unreif, kindlich usw.
"Zu un-nett", das wäre für mich: selbstzerstörerisch, unzufrieden, herumkrittelnd usw.
Sherab Yönten hat geschrieben:
Ellviral hat geschrieben:
Verlässt man diesen Markt hat man ganz plötzlich große Verluste an "Freunden". Da man weder Dealer noch Junkie ist gibt es auch keinen Markt mehr für diese Droge Mitleid. Mitgefühl hat keinen Markt.


Mitgefühl ist aber was anderes wie Mitleid.
:?
Liebe Doris,

ich glaubte, Dich ursprünglich korrekt verstanden zu habeṇ. Ich wollte daher eigentlich nur meine Sicht der Dinge, (des Umgangs mit mir selbst und anderen), darlegen - habe das aber wohl nicht richtig angefangeṇ.

Weißt Du, mir fällt es nicht schwer, mich selbst, meine Mitmenschen, mein Umfeld, Situationen, im Prinzip also, all das, was ist, so anzunehmen, wie es eben isṭ. Dennoch war meine Art zu sein, und ist es auch heute für manchen Mitmenschen immer noch nicht, das "Gelbe vom Ei".

Ich erkläre das mal sinnbildlich: selbst dann, wenn irgendwer meinte, er müsse seine Missbefindlichkeit in einen Kübel füllen und über mir entleeren, blieb (und bleibe) ich ruhig. Ich kratzte das Zeug säuberlich ab, füllte es wieder in den Kübel, und schlug dem Absender z.B. vor, es sinnvoller zu nutzen - z.B. als Dünger für seine Erdbeeren.) ...

Ich dachte mir, wem nützt es, wenn mein Adrenalinspiegel und meine Blutzirkulation ansteigen, meine Jugularen anschwellen, und mein Geist wenig zuträglich auf Angriffsabwehr (und somit nicht zum korrekten Nachdenken zur Verfügung) steht?

... Doch selbst dann, wenn ich absolut ruhig blieb, quasi eine Verkörperung der Deeskalation, war auch das nicht richtig: dann war ich eben überheblich und arrogant - so relaxt, wie ich da stand!

Ich hatte gar nicht vor, so zu wirken, und wollte auch meine Ruhe nicht "raushängen lassen" wie ein Schild mit der Aufschrift: Du kannst mir gar nichtṣ. Ich wollte zudem keineswegs überheblich erscheineṇ; also lernte ich ziemlich zügig: es ist angezeigt, stets daran zu denken und zu berücksichtigen, dass die meisten Menschen alles, was sie selbst (und ihr Umfeld) betrifft, "persönlich" nehmen und (Dharma hin oder her) eine Verteidigungsstellung einnehmeṇ.

Mein Lehrer lehrte mich, zurückhaltender und einfühlsamer zu sein; das, was ich von mir gebe, ausdrücklich als "meine Sicht der Dinge" darzulegen, nie den Anschein eines Ausschließlichkeitsanspruchs zu erwecken, und mich im Gespräch mit meinen Mitmenschen ihren Vorgaben anzupasseṇ.

Ich übe seit Jahrzehnten, und es gibt immer noch genug zu tuṇ. :roll:

LG mkha'
von Ellviral » 19.10.2017, 17:44
:like:
:star: Herzlichen Dank. :star: :)

.. und zu Sherabs Aussage:

manch ein Lehrer buddhistischer Philosophie erklärt, altruistisches Mitgefühl lasse die Menschen fühlen, was ihre Mitmenschen bewegt, was sie traurig, unzufrieden, ängstlich, etc. macht, und ermögliche ihnen somit, den Traurigen, Unzufriedenen, Ängstlichen etc. entsprechend ihren Bedürfnissen zu helfeṇ.

Mitleid hingegen, sei gleichbedeutend mit einem Mit-leiden, und dieses Leid, von dem der Helfer überrollt wird, ziehe ihn tief hinunter in den Strudel des Leids und mache ihn somit handlungsunfähig.

Beispiel Unfall:

Vater und Mutter schwer verletzt, bzw. verstorben, neunjähriges Mädchen mit schweren, blutenden Verletzungen ruft verzweifelt nach den Elterṇ. Der Helfer mit Mitgefühl sieht genau hiṇ. Er überblickt das Unfallgeschehen, ohne sich jedoch von Gefühlen überrollen zu lasseṇ. Er fühlt mit dem Kind, redet beruhigend mit ihm, analysiert aber dennoch genau, was zwecks effektiver Hilfe zu tun isṭ. ... Ein Helfer der mitleidet, wird, so heißt es, möglicherweise bereits durch den Anblick des fast Unerträglichen paralysierṭ

Es gibt jedoch Übersetzer, die keinen Unterschied zwischen diesen Worten zu erkennen vermögeṇ

LG mkha'
mkha' mal was eigenartiges das mir bei deinem Beitrag an Sherab spontan dazu eingefallen ist: Kotzen kannst Du später! hab ich mir gesagt wenn von mir scheinbar ekelhafte oder Mitleiden erregende Situationen aufgetreten sind. Das fing schon an als ich meine Schwester wickeln musste(mit 12 Jahren) und dann die Windeln auswaschen musste. War relativ harmlos, es gab Schlimmeres. Ich war da und tat was zu tun war. Gekotzt hab ich nie doch Mitleid hatte ich auch keines. Wenn es nötig war habe ich es gezeigt, wohl wissend das es nur ein Schauspiel war das von Mitgefühl getragen wurde.
Ich verstehe, dass zu starke Empathie denjenigen, der sie hat, eher ausbremst und kaputt macht. Logo.

Was ich nicht verstehe, ist diese Aggression, die vom Threadtitel, OP und Artikel auszugehen scheint. Es gibt gefühlt 800.000 menschliche Schwächen. Zu große Empathie ist eine davon (---> Hoch- oder Hypersensibilität). Muss man das jetzt als Verbrechen oder schwere Krankheit anprangern?

Das kommt mir völlig überzogen vor.
Losang Lamo hat geschrieben:
Ich verstehe, dass zu starke Empathie denjenigen, der sie hat, eher ausbremst und kaputt macht. Logo.

Was ich nicht verstehe, ist diese Aggression, die vom Threadtitel, OP und Artikel auszugehen scheint. Es gibt gefühlt 800.000 menschliche Schwächen. Zu große Empathie ist eine davon (---> Hoch- oder Hypersensibilität). Muss man das jetzt als Verbrechen oder schwere Krankheit anprangern?

Das kommt mir völlig überzogen vor.


Das sehe ich ähnlich, auch wenn es natürlich völlig okay ist, darüber zu diskutieren.

Doch zu große Empathie scheint mir jetzt nicht gerade ein Laster von Buddhaland zu sein.
Damit meine ich viele Diskussionen, die ich hier miterlebt habe. Häufig besteht weder Bereitschaft noch Interesse an menschlicher Anteilnahme. Vor lauter Analyse und geistigen Konstruktionen oder Politisierung bleibt einfaches Mitgefühl hier eher "Mangelware".
Und wo etwas selten vorkommt, muss man nicht vor einem Übermaß warnen! :)
Ich finde die Haltung auch zutiefst dualistisch und der Lehre widersprechend, sowie aus der Praxis nicht umsetzbar.

Dualistisch: Dealer - Junkies, dämonisierung von Mitleid (jeder, der selber schon verletzt wurde, kennt Mitleid - also jeder. Sich außerhalb dessen zu stellen wirkt so, als sei da bei der Entwicklung von Mitleid zu Mitgefühl was verloren gegangen).

Der Lehre widersprechend: leerheit/Weisheit und Mitgefühl gehören zusammen. Wer leerheit erkannt hat, redet und handelt dennoch aus Mitgefühl. Das lehren zumindest die Tibeter so. Handlungen dürfen gerne dem Sinn folgen, nützlich für andere zu sein. Schätze mal, weil die restlichen Motive zumeist auf EGO rauslaufen.


In der Praxis nicht umsetzbar: jeder, der mit Kindern lebt und mit Menschen arbeitet erfährt, dass es immer wieder neu zu prüfen ist, welche Form von Unterstützung das Kind, die Jugendliche im jugendhilfesystem, die geistig und psychisch eingeschränkte Frau, den depressiven Bewohner eins Altenheims etc 'am besten' voranbringt, ohne Lebensqualität über Gebühr einzuschränken.
Selbst, wenn mitleiden mehr und mehr verschwindet, gibt es keine schwarz weiß Lösungen. Ein voll verwirklichter Mensch sieht vielleicht, was dem anderen am besten hilft, alle anderen sind da immer in einem Prozess.

Und ergänzend, natürlich kann man davon ausgehen, dass hier den meisten der Unterschied zwischen Mitleid und Mitgefühl klar ist, das ist doch ein kernthema!
Doris schrieb:

Meinst Du ich schreibe das, weil ich meine, das es was nützt?
Ich stelle meine Erfahrung in den Raum und beschreibe, was ich sehe und wie ich es empfinde. Was jemand damit macht, ist seine Sache.


Ergänzend: was ist das Motiv dahinter?
Ich finde das nicht überzogen.
Ich finde im Gegenteil, dass das eher verharmlost und viel zu schnell vom Tisch gewischt wird.

In jeder Familie, jeder Beziehung mit einer Person, die süchtig ist, kann man die Destruktivität der Droge Mitleid sehen. Darüber zerbrechen Menschen. Es zerbrechen die Angehörigen und die Erkrankten verharren in diesem System. Das sind keine Einzelfälle, das sind Heerscharen.
In den sozialen Berufen ist dieser Deal weit verbreitet. Deshalb die hohen Zahlen der Aussteiger, die Anzahl der Leute, die sich in diesem System kaputt machen. Und sogar in ganz "normalen" Berufen sieht man das immer wieder.
Wer kennt sie nicht, die eine Person in der Familie, im Umkreis, die klagt, was sie alles für die Anderen getan hat und nun wird sie soooo enttäuscht?
Man kann diese Deals in Familie, in Freundschaften, in der Arbeit sehen.
Und man kann es auch in der Politik sehen.

Man ist nicht einfach aus Jux und Dollerei mitleidig. Das ist immer ein Zeichen von Mangel, nicht von Überfluss. Aber dieser Mangel verkleidet sich als Überfluss. Und man benötigt jemanden, über den man diesen vermeintlichen Überfluss ausgießen kann. Man benutzt Leute also. Deshalb ist der Frust ja so groß, wenn diese dann nicht so wollen, oder sich entziehen.

Und ja, das kennt jeder ein Stück weit. Was auch in Ordnung ist. Aber da, wo man es nicht mehr erkennt, wo man sich nicht mehr von seiner Haltung distanzieren kann, da wird es dann schädlich.
Ich halte das für eine Sucht. Und wenn man da raus will, dann geht das nur durch Ehrlichkeit. Die tut weh. Das ist normal.
mkha' hat geschrieben:
Es gibt jedoch Übersetzer, die keinen Unterschied zwischen diesen Worten zu erkennen vermögeṇ


Es gab Übersetzer :wink:
Die neueren Übersetzungen/ Übersetzer erkennen mittlerweile ALLE diesen Unterschied :)

P.S. Und danke für Deine zusätzlichen Erklärungen!
Was ist denn jetzt genau der Unterschied zwischen "Ich fühle mit dir" und "Ich leide mit dir" ?
Fühlt jemand Leid und man fühlt mit, fühlt man dann dasselbe Leid? Kann nicht sein, man erfährt es ja nicht unmittelbar. Man leidet darunter dass jemand anderer leidet? Das wäre wohl Mitleid. Und wenn man darunter leidet, also wenn man es nicht vertragen kann wenn ein anderer leidet, dann ist das ja ein Antrieb um dessen Leid zu lindern, also zu helfen. Was wäre in dem Sinne schlecht an Mitleid? "Ich fühle mit dir", also Mitgefühl, ist das nicht dasselbe? Man fühlt nicht dasselbe Leid wie ein Anderer, aber man fühlt Unbehagen, hat keine Freude daran und es ist einem auch nicht gleichgültig: "er tut einem leid",
mukti hat geschrieben:
Was ist denn jetzt genau der Unterschied zwischen "Ich fühle mit dir" und "Ich leide mit dir" ?
Fühlt jemand Leid und man fühlt mit, fühlt man dann dasselbe Leid? Kann nicht sein, man erfährt es ja nicht unmittelbar. Man leidet darunter dass jemand anderer leidet? Das wäre wohl Mitleid. Und wenn man darunter leidet, also wenn man es nicht vertragen kann wenn ein anderer leidet, dann ist das ja ein Antrieb um dessen Leid zu lindern, also zu helfen. Was wäre in dem Sinne schlecht an Mitleid? "Ich fühle mit dir", also Mitgefühl, ist das nicht dasselbe? Man fühlt nicht dasselbe Leid wie ein Anderer, aber man fühlt Unbehagen, hat keine Freude daran und es ist einem auch nicht gleichgültig: "er tut einem leid",


Niemand sagt, dass Mitleid grundsätzlich ein schlechtes Gefühl ist.
In dem Artikel ist von Mitleid die Rede.
Häufig bleibt man beim Mitleid eher passiv: "Der arme Obdachlose...."
Mitgefühl hat eher eine aktive Komponente; Man fühlt sich verantwortlich und spendet eventuell für den Obdachlosen mit dem Wunsch, dass es ihm helfen könnte..."
Man muss sich nicht mal verantwortlich fühlen, sondern sieht einfach, das man Potential übrig hat und gibt, was man geben kann und überlegt sich auch, was das bringen könnte. Das kann ganz cool sein, auf der Verstandesebene ablaufen.
(Ganz oft spendet man ja, weil man das Elend des Anderen einfach nicht aushält und fühlt sich dann beruhigt.)

In Hilfsorganisationen, die gute und nachhaltige Ergebnisse aufweisen, macht man das mittlerweilen so. Nennt man Evaluation. Das macht man vor einer Maßnahme, während einer Maßnahme und danach. Klappt es nicht, geht was schief, dann sucht man nach den Ursachen. Immer werden die Betroffenen einbezogen und aktiviert, und zwar nicht ein "bisserl, weil mehr können die ja nicht", sondern als Hauptakteure.
Sherab Yönten hat geschrieben:

Niemand sagt, dass Mitleid grundsätzlich ein schlechtes Gefühl ist.
In dem Artikel ist von Mitleid die Rede.
Häufig bleibt man beim Mitleid eher passiv: "Der arme Obdachlose...."
Mitgefühl hat eher eine aktive Komponente; Man fühlt sich verantwortlich und spendet eventuell für den Obdachlosen mit dem Wunsch, dass es ihm helfen könnte..."


Der Unterschied ist also dass bei Mitleid möglicherweise der Wunsch zu helfen nicht entsteht, während Mitgefühl immer mit dem Wunsch zu helfen verbunden ist?
mukti hat geschrieben:
Sherab Yönten hat geschrieben:

Niemand sagt, dass Mitleid grundsätzlich ein schlechtes Gefühl ist.
In dem Artikel ist von Mitleid die Rede.
Häufig bleibt man beim Mitleid eher passiv: "Der arme Obdachlose...."
Mitgefühl hat eher eine aktive Komponente; Man fühlt sich verantwortlich und spendet eventuell für den Obdachlosen mit dem Wunsch, dass es ihm helfen könnte..."


Der Unterschied ist also dass bei Mitleid möglicherweise der Wunsch zu helfen nicht entsteht, während Mitgefühl immer mit dem Wunsch zu helfen verbunden ist?


Mitgefühl: Nicht nur der Wunsch zu helfen ist da, sondern man könnte ggf. tatsächlich helfen!
Manchmal ist es aber auch "nur" der Wunsch.
Doris Rasevic-Benz hat geschrieben:
Man muss sich nicht mal verantwortlich fühlen, sondern sieht einfach, das man Potential übrig hat und gibt, was man geben kann und überlegt sich auch, was das bringen könnte. Das kann ganz cool sein, auf der Verstandesebene ablaufen.
(Ganz oft spendet man ja, weil man das Elend des Anderen einfach nicht aushält und fühlt sich dann beruhigt.)


Ich erlebe immer beides, zuerst das Gefühl von Mitleid, und dann die Überlegung wie man helfen kann. Z.B. bei einer alten Bettlerin die ich oft sehe - arme Frau, hockt in der Kälte am Boden den ganzen Tag. Dann die Überlegung: Sie ist wohl von einer Organisation geschickt die ihre Einnahmen abkassiert. Aber es wird trotzdem ihr Leid etwas lindern wenn ich ihr ein bisschen was gebe.
Ohne Gefühl wäre da gar nix, einfach vorbeigehen.
Sherab Yönten hat geschrieben:
mukti hat geschrieben:
Der Unterschied ist also dass bei Mitleid möglicherweise der Wunsch zu helfen nicht entsteht, während Mitgefühl immer mit dem Wunsch zu helfen verbunden ist?


Mitgefühl: Nicht nur der Wunsch zu helfen ist da, sondern man könnte ggf. tatsächlich helfen!
Manchmal ist es aber auch "nur" der Wunsch.


Naja vielleicht ist das der moderne Sprachgebrauch. Früher hat man einfach gesagt dass man aus Mitleid hilft.
mukti hat geschrieben:
Naja vielleicht ist das der moderne Sprachgebrauch. Früher hat man einfach gesagt dass man aus Mitleid hilft.


Ja, das hast du recht. Im deutschen Sprachgebrauch ist Mitleid nahezu das gleiche wie Mitgefühl. Buddhisten, denen es ja dauernd um die Überwindung des Leidens geht, stört das "Leid" in "Mit-Leid":

  • Im Mahayana wird karuṇā als Ausdruck einer befreiten Geistenhaltung angesehen und deswegen auch mit Bodhisattva Avalokiteshvara assoziiert. Und weil man da ja denkt, dass das jenseits von Leiden ist, will man es nicht mit dem Begriff "Mitleid" assoziieren und spricht von "Mitgefühl".

  • Im Thervada ist karuṇā eines der Brahmavihara, also etwas was durchaus als göttlich und heilsam gesehen wird ( etwas was Brachma und einer glücklichen Widergeburt in dessen Reich assoziiert wird) Aber etwas über das der Befreite letzendlich hinausgehen muss. Wohl weil auch Mitgefühl druchaus als eine Art "Mitleiden" gesehen wird uns insofern eine subtile Fessel sein kann.

  • In unseren Sprachgebrauch ist Mitleid ein Lehnwort für die Misericordia - die Barmherzigkeit. Mit dem anderen Mit zu leiden wird da nicht als was gesehen, wo einem ein Zacken aus der Krone bricht, und selbst Gott ist von Barmherzigkeit erfüllt.
Imho kann man nicht mit einem anderen Wesen mit-fühlen. Das würde bedeuten, das man in exakt der gleichen inneren und äußeren Situation ist. Das, was man fühlt, sind die auf sich Selbst bezogenen Reflexionen.
Wenn Jemand stark leidet und ich gebe gutgemeinte, aus der Lehre entstehende Ratschläge, die ich aus Mitgefühl gebe könnte der Andere diese ablehnen.
Das nützt mir Nichts, ich leide zu sehr.

Und dieses Leid, was im Anderen in dieser Situation entsteht kann man erkennen, bis hin zum Erfahren. Also ist imho Mit-Leid(en) ein "besserer", mehr buddhistischer Weg.
Ich kann nicht fühlen wie Du, doch ich begebe mich mit Dir zusammen in Dein Leiden. Zeige es mir.

Und nur aus dieser Einstellung kann man imho dem Anderen wirklich helfen.
Ich leide, wie Du leidest, lass uns gemeinsam dieses Leid erkennen. Wie es entsteht und wie es vergeht.

Dies ist meine Einstellung, wenn ich erkenne, das jemand leidet. Weder Empathie "raushängen" lassen noch Altruismus, sondern einfach (naja ... einfach 8) ) den Weg des Bodhisattva gehen.

Eure Aussagen sind beileibe nicht falsch ... Nein ... nur vermisse ich darin den Geist der Lehre. Verzeiht, mir ist nur gerade so.

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