Kann man das Sterben in der Meditation üben?

Moderator: kilaya

Morpho hat geschrieben:
@ Sherab:
Sicherlich kann es auch nicht schaden, aber man kann nach dem Verständnis der Gelug Tradition diese Übung auch ohne eine Traum Yoga Praxis machen.

Warum nicht. Was aber gerade auch bei "krassen" Kontemplationen sicher wichtig ist, ist Stabilität und es steht in dem Zitat auch, wie die zustande kommen kann.

So ist die Reihenfolge: Bewusstheit im ersten Augenblick der Erfahrung, beim Reagieren,


Kein Rätsel sondern ein Rat.

Springe weder zu weit noch zu kurz.
Wege die man plant sind verlorene Wege.
Dinge die man nicht irgenwann verschenkt sind verlorene Dinge.

Was ist der Punkt. Was ist wahrhafte Begegnung? Bleibe offen für das Ergebnis.

Dinge die man beherrscht sind verlorene Dinge.
Menschen die man nicht irgenwann herausnimmt aus den Schubladen sind verlorene Menschen.
Treffe die Mitte zwischen Erwartung und Absicht.

Spiele mit dem Wandel, denn der Wandel spielt auch mit Dir.

http://i56.tinypic.com/kalbpe.png

Alles Gute
@ Morpho, ich vermute, dass die geistigen Erscheinungen beim Sterbeprozess andere sind wie beim luziden Traum. Daher sind beide Praktiken sicherlich sinnvoll, haben aber andere Zielsetzungen.
mkha schrieb:
Ich bin neugierig, in welchem Kontext Lama Anagarika diese Aussagen machte. Sei bitte so nett, Deine Ausführungen etwas genauer zu belegen, ich suchte, fand aber in seinen Schriften nichts dergleichen.

Der Kontext bei Govinda war meist, dass er dem westlichen Leser die Methodik des Vajrayana verständlich machen wollte. Dazu nahm er oft eine historisch überlieferte Praxis und erläuterte an ihr die Punkte, die ihm exemplarisch erschienen. Später hat er auch eigene Übungen entwickelt, aber meine Ausführungen oben bezogen sich auf Eva Dargay und Geshe Lobsang: Das Tibetische Buch der Toten, Scherz Verlag 1977. Govinda schrieb damals die Einleitung. "Ist man nämlich in dieser Meditation weit fortgeschritten, könnte es geschehen, daß man unversehens stirbt, wenn das Hri - nämlich der eigene Geist - nicht wieder in den Körper zurückkehrt."
Die Wichtigkeit der Reihenfolge und der Rückwärts-Schritte erläutert er in seinen "Foundations of Tibetan Mysticism ". Ich habe nur ein altes Buch von Motilal aus Indien, aber das gibt es auch in Europa. Mit etwas Sachkenntnis erkennt man Govindas Beispiel dort unschwer als eines der 6 Yogas von Naropa.
Durch deine Inspiration SY habe ich etwas für mich praktisches gefunden, da ich ja keinen Lehrer habe im Selbststudium.

Tiefste Meditation bis zum mentalen Zustand des Todes - YouTube
Video zu "tiefste Meditation"▶ 35:03


Dies Form hat mir gezeigt was ich im Jetzt und Heute tun kann um vielleicht und sogar ganz bestimmt einmal friedlich und ohne Reue sterben zu können , so* Buddha Dharma* will :moon:

Mit *normaler * Meditation erreiche ich diesen zustand noch nicht.
Wenn du magst kannst du ja mal deine Erfahrung schildern, falls du inzwischen eine Erkenntnis gewonnen hast.
LG :sunny:

PS: Allen noch ein friedliches und gleichmütiges neues Jahr :star:
Der Thread fragte, ob man das Sterben in der Meditation üben kann.
Die Mehrzahl der Antworten zeigte, dass diese Frage innerhalb des tibetischen buddhistischen Kontextes positiv zu beantworten ist. Und: es gibt offensichtlich verschiedene Übungen mit verschiedenen Ansätzen für Praktizierende mit verschiedenen Fähigkeiten und folglich unterschiedlich hohen Zielen.

Ich habe mal versucht, eine Systematik zu erstellen, an der man sich orientieren kann bzgl. dessen was möglich ist und auch was nötig ist, um in der entsprechenden Liga mitzuspielen. Das System erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit, es ist ein Versuch. Es erhebt nicht den Anspruch einer wiss. Arbeit (z.B. bzgl. Quellenlage, Hermeneutik etc.)., wohl aber einen Gültigkeitsanspruch (also bitte nix erfinden). Bei derartigen Vorhaben kann ein Einzelner nicht alles wissen, aber eine Gruppe könnte doch eine Übersicht zusammenbringen. Was mir vorschwebt ist eine kollektive Arbeit, wo verschiedene Leute ihr Wissen beitragen. Der Überblick soll also gern ergänzt oder korrigiert werden. Die Systematik hätte sicher auch anders gewählt werden können, z.B. nach Zeiten und Schulen, mir erschien die Ordnung hinsichtlich der Verwirklichungsgrade aber sinnvoller in Hinsicht auf Forumsleser, die sich bzgl. eigener Praxismöglichkeiten orientieren wollen.

Regeln: Das System ist im Detail bewusst unspezifisch gehalten, um keine Samayas zu brechen. Als Kriterium würde ich ansetzen, was im öffentlichen Buchhandel von jedermann gekauft werden kann oder im Internet ohne offensichtliche Verletzung von Samayas nachzulesen ist.
Was hier eingetragen wird, sollte zumindest mit einem Verweis auf Quellen oder weiterführende Literatur belegt sein, damit Interessierte sich dann weiter vorarbeiten können.
Es geht um Übungen zur 'Selbsthilfe', nicht um Hilfen Dritter a la 'Jemand liest dem Verstorbenen das tib. Totenbuch vor'.

Ich habe zuerst den Überblick erstellt, darunter dann Erläuterungen. Erkennbar ist eine gewisse Reihenfolge vom Einfachen zum Schwierigen. Literaturangaben sind gesammelt am Ende der Übersicht.

Übungen in der Meditation bzgl. Sterben (Version 1.0):

1. Übungen, die lediglich gute Voraussetzungen schaffen, damit auch ohne selbstinitiierte Transformation der Sterbeprozess nicht zu schlechten Wiedergeburten führt
1.1. Bardo Thödol lesen und üben
1.2. Meditation auf oder Anrufungen von Amitabha (vgl. Arya amitabha vyuha nama mahayana sutra)
1.3. sich bei Anzeichen des Sterbens in seiner Standardmeditation visualisieren und darin zu sterben

2. tatsächliche Transformation
2.1. Einleitung der Transformation zu Lebzeiten, aber erst, wenn die Zeichen des nahen Todes untrüglich wahrgenommen werden
2.1.1. Übertragung mit Hilfe von Amitabha
2.1.2. Auflösung von Energien aus dem mittl. Nervenkanal in der absoluten Wirklichkeit
2.1.3. Identifikation der eigenen Geist-Natur mit der Leerheit
2.1.4. kleiner Regenbogenkörper (normal Rainbow body)
2.1.5. mittlerer Regenbogenkörper (Rainbow body of light)

2.2. Transformation mitten im Leben eingeleitet und abgeschlossen
2.2.1. großer Regenbogenkörper: Rainbow body of great transference
2.2.2. forcefull projection (nicht mehr praktiziert)

2.3. Transformation im Bardo of Death


Erläuterungen
1. Übungen, die gute Voraussetzungen schaffen, damit auch ohne selbstinitiierte Transformation der Sterbeprozess nicht zu schlechten Wiedergeburten führt
1.1. Bardo Thödol lesen und üben
-es gibt mehrere gute Übersetzungen mit hervorragenden Einleitungen. Quellen: [1],[2],[3].
1.2. Meditation auf oder Anrufungen von Amitabha (Quellen: vgl. Arya amitabha vyuha nama mahayana sutra)
- ich sehe mich hier nicht qualifiziert genug für eine kleine Erklärung, vielleicht können Sachkundige aus dem Forum weiterhelfen.
1.3. sich bei Anzeichen des Sterbens in seiner Standardmeditation visualisieren und darin zu sterben
Tsongkhapa empfiehlt hierzu in [4]: " Alternatively, for those who are not qualified in this way, but who have achieved some meditative stability, then as the moment of death draws near they should engage in their samadhi and make the stream of it strong, meditating in order with the way they practiced during their lifetime.The strength of this will then carry over into the bardo. If during this crucial experience that positive mind can be recollected, it will have beneficial impact on the process of dying and the bardo."

2. tatsächliche Transformation
2.1. Einleitung der Transformation zu Lebzeiten, aber erst, wenn die Zeichen des nahen Todes untrüglich wahrgenommen werden:
Lobsang Dargay nennt in [2] drei Varianten einer Transformation mit ansteigendem Schwierigkeitsgrad für Praktikanten unterschiedlicher Leistungsfähigkeit:
2.1.1. Übertragung mit Hilfe von Amitabha:
"Das eigene Bewußtsein kann jedoch auch durch die Zuhilfenahme von Amitabha, dem Buddha des unermesslichen Lichtes, bewirkt werden. In dieser Weise ist die Übung auch für Leute geeignet, die noch wenig spirituelle Erfahrung haben." Das ist sicher die Variante, die heute die meisten Westler mit einer Phowa-Initiation verfolgen. Der Däne Nydahl hat sowas jahrlang gelehrt, es gibt aber auch eine Reihe anderer Lehrer, an die man sich halten kann.
2.1.2. Auflösung von Energien aus dem mittl. Nervenkanal in der absoluten Wirklichkeit:
"In der zweiten Art wird die Übertragung vorgenommen, indem der Yogi seine Geist-Natur als wesensidentisch mit der Sphäre der absoluten Wirklichkeit erfährt. Dazu meditiert er den mittleren Nervenkanal ... [Auslassung von K-Dorje] ... löst sich in der Sphäre der absoluten Wirklichkeit auf." Ich habe die genaue Anleitung ausgelassen, wer der Überzeugung ist, das sei was für ihn/sie, der mag sich selbst kundig machen und die nötigen Voraussetzungen schaffen. In meinen Augen ist diese Praxis die folgerichtige Stufe für Leute, die eine Phowa-Einweihung mit Zuhilfenahme von Amitabha haben, und nach viel üben dann noch eine Stufe höher greifen wollen. Quellen: [2]
2.1.3. Identifikation der eigenen Geist-Natur mit der Leerheit:
"Das Bewußtsein wird übertragen, indem der Yogi seine eigene Geist-Natur als das Wahre Sein, die Leere betrachtet. Diese Übung setzt hohes spirituelles Training voraus und ist daher nur erfahrenen Yogis vorbehalten.". Ich denke, hierher gehören Dzogchen, Mahamudra oder die kollektive Verwirklichung von mehreren der 6 Yogas von Naropa.

Weiterhin würde ich hier die beiden kleineren Stufen des Rainbowbody einordnen. Eine Einteilung in 3 Stufen verschiedener Rainbowbodies wird hier vorgenommen [5]: https://soonyata.home.xs4all.nl/sorubasamadhi.htm
2.1.4. kleiner Regenbogenkörper (normal Rainbow body):
Der Autor beschreibt dies als "The most common level is the normal Rainbow body that occurs only after body death. Every 10 years or so a Buddhist from Tibet enters into this state. There are no physical signs indicating the start of the process before death and once physical death occurs it takes on average 7 days for the body to shrink and dissolve into light and most of the time a small child size body remains behind and in more advanced yogi's only hair and nails."
2.1.5. mittlerer Regenbogenkörper (Rainbow body of light):
Hier sehe ich Fälle wie Yeshe Tsogyal eingeordnet. Vgl. hierzu Keith Dowman: "Sky Dancer"[6]. Der Autor von [5] beschreibt dies mit "in this level all the signs are showing up while the yogi is still alive. The process of dissolving into light might go really fast but in most cases it takes month to years to complete, all while remaining fully functional. It is also possible that the yogi who is in the middle of this process slows it down or is unable to continue the process and dies before the completion of the Rainbow body. This has been the case with most of the famous siddhars. If the process is continued the body will start to shrink and shine real light over time until it reaches the size of a baby and then as a flash of bright rainbow light will disappear into emptiness forever."

2.2. Transformation mitten im Leben eingeleitet und abgeschlossen:
2.2.1. die vollständige Verwirklichung des Regenbogenkörpers (Rainbow body of great transference). In [5] wird der Rainbow body of great transference wie folgt definiert: "The most advanced and extremely rare level is the attainment of the Rainbow body of great transference. In this level the yogi not only dissolves the body completely into light but remains functional and visible as light." Als Beispiel fällt mir eigentlich nur Padmasambhava ein. Frage an die Milarepa-'Nachfolger': In dem Film 'Milarepa' taucht der Held nach der Transformation noch mal auf. Würde man das hier einordnen können?
2.2.2. 'forceful projection' ist eine exotische Methode, die offiziell nicht länger praktiziert wird. Anforderungsniveau wohl ähnlich Rainbow body of great transference und Transformation im Bardo of death. Für Hintergründe, Gefahren und Nebenwirkungen: 6 Yogas von Naropa.

2.3. Transformation im Bardo of Death
Der Zusatz zu 'of Death' macht Sinn, wenn man mit Tsongkhapa das ganze menschl. Dasein als Folge von Zwischenzuständen betrachtet: Bardo of being awake, bardo of sleep, bardo of death.
Tsongkhapa weist in [4] darauf hin, dass hier nicht die verschiedenen Clear Light Praktiken aus 2.1. gemeint seien. Vielmehr geht es im Sinne des Bodhisattva-Ideals darum, zum Wohle aller Wesen in geeigneter Form wiederzukommen. Im Kern zielt er hier darauf, wie man aus dem Illusory Body of Death gezielt einen Sambhogakaya und aus diesem einen Nirmanakaya macht.
Anspruchsniveau : extrem hoch.
Ob für 2.3. weitere Unterteilungen sinnvoll sind, darüber kann man streiten. Für weitere Unterteilungen spricht, dass auch Tsongkhapa weiter unterteilt. Dagegen spricht, dass er auf ein extrem hohes Anspruchsniveau zielt, was für die Allermeisten hier im Forum weit jenseits unserer Fähigkeiten liegt.

Quellen und Literatur:
Bardo Thödol. Es gibt mehrere von Lehrern empfohlene Ausgaben.
[1] Nydahl empfahl Evans-Wentz: Das Tibetanische Totenbuch oder die Nachtod-Erfahrungen auf der Bardostufe.
[2]"Das tibetische Buch der Toten", Eva Dargay und Geshe Lobsang Dargay. Einleitung von Lama Anagarika Govinda, 1977 Scherz-Verlag für Barth Verlag
[3] Und natürlich gibt es auch noch die Variante von Sogyal Rinpoche: Das tibetische Buch vom Leben und vom Sterben
[4] Tsongkapa: A book of three aspirations, engl. in Glenn H. Mullin "The Six Yogas of Naropa Tsongkhapa's commentary entitelt A Book of Three inspirations...
[5]: https://soonyata.home.xs4all.nl/sorubasamadhi.htm
[6]: Dowman, Keith: Sky Dancer: The Secret Life and Songs of Lady Yeshe Tsogyel, Snow Lion Verlag
Es freut mich sehr, dass dieser Thread einen so konstruktiven Verlauf genommen hat und für manche gar eine Inspiration geworden ist :)

Ich persönlich haben noch keinerlei Erfahrungen bei der praktischen Anwendungen der verschiedenen Formen dieser speziellen Meditationsübungen. In diesem Jahr gibt es dazu in unserem Zentrum jedoch entsprechende Unterweisungen.

(Zwei Themen, die diese Praxis am Rande berühren: 1. Die Problematik der Gabe von Morphium und anderen Schmerzmitteln, die das Bewusstsein trüben, im Sterbeprozess. Diese verhindern eventuell die Praxis solcher Übungen. 2. Eine Organspende könnte verhindern, dass solche Übungen vom Praktizierenden beim Übergang in den Bardo des Todes ausgeübt werden.)

Herzlichen Dank, K-Dorje, für Deine zusammmenfassende Systematik! Wo würdest Du die verschiedenen Tantra Klassen integrieren? Ich vermute, Annatura Yoga Tantra würde auch unter Punkt 2.1.3. fallen. Aber die anderen 3 Tantra Klassen?

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