Buddhismus und Demenz

Moderator: Jojo

Kann mir jemand Hinweise auf Bücher, Internetseiten, Gruppen usw. zum Themenbereich 'Buddhismus und Demenz' geben?

Es gibt da anscheinend ziemlich wenig (nach meiner Recherche im Netz): Ein bisschen was zu buddhistischen Erklärungen zu Demenz, aber ich habe z.B. nichts dazu gefunden, was die praktische Arbeit von Pflegekräften in diesem Bereich angeht.

Ich bin für alle Hinweise (gerne auch englischsprachig) dankbar!
Was die praktische Arbeit von Pflegekräften angeht:

Die Ethik des DL bietet sich dafür an, die Qualität von professioneller Pflegedienstleistung und privater Sorge für Angehörige zu verbessern: Rückkehr zur Menschlichkeit, Gefühl und Mitgefühl, sind hier zu nennen. In Letzterem wird auch auf die emotionalen Probleme von Pflegenden eingegangen.

Der Dalai Lama zeigt viel Verständnis: Menschen, die im sozialen Bereich tätig sind oder die zu Hause jemanden pflegen müssen, können von ihren Pflichten manchmal so mitgenommen werden, dass sie sich überfordert fühlen. Ständig mit Leid und Elend konfrontiert zu werden und dazu gelegentlich das Gefühl zu haben, dass die Leistung, die man erbringt, als selbstverständlich angesehen wird, das kann Gefühle der Hilflosigkeit oder gar Verzweiflung wecken.

So wird deutlich, dass die Fähigkeit zu pflegenden Handeln in manchen Fällen emotionale Distanz erfordert. Der Dalai Lama schreibt: Mitfühlend zu sein bedeutet nicht, dass man gänzlich auf der Ebene des Fühlens verharrt, was ziemlich kräftezehrend sein kann. Ein mitfühlender Arzt beispielsweise, der permanent damit beschäftigt wäre, das Leid seiner Patienten zu teilen, könnte seine Aufgabe kaum noch wirkungsvoll erfüllen.

Doch geht es bei einer mitfühlenden Haltung in erster Linie darum, dass wir etwas tun wollen, um anderen Menschen zu helfen. So erklärt der Dalai Lama: Dieser Wunsch zu helfen zieht uns keineswegs auch noch selbst tiefer ins Unglück, sondern gibt uns im Gegenteil Kraft, Orientierung und Zielstrebigkeit. Wenn wir aus einer solchen Motivation heraus handeln, wirkt sich dies positiv für uns selbst und für die Menschen um uns herum aus. Entscheidend ist daher, sich die Fähigkeit deutlich zu machen, anderen helfen zu können.

Eine Fähigkeit, die wiederum positive Emotionen verlangt. Zudem besteht zwischen dem Leid, das man selbst erfährt und dem, das man mit anderen teilt, ein qualitativer Unterschied aufgrund der Freiwilligkeit. Daher wirken solche Probleme in der Regel nicht gleichermaßen lähmend.

Allgemein sehe ich in der Ethik des DL das Fundament, worauf Pflegewissenschaft, Medizin, Psychologie usw. aufbauen. Denn solche Disziplinen setzen immer schon voraus, dass der Pflegende motiviert ist und mit seinen destruktiven Emotionen gut klar kommt.
Lieber Karnatake,

vielen Dank für Deine Antwort.

So sehr ich auch den Dalai Lama oder andere Lehrende schätze: Er muss keine Ärsche abputzen, mit Vorgesetzten in der Pflege umgehen, sich mit dem MDK auseinandersetzen, 12 Nachtdienste am Stück in einer 'beschützten' (= geschlossenen) Abteilung in einem Altenheim überstehen usw.

Kurz: Der Dalai Lama ist in dieser Frage für das 'Große und Ganze' zuständig, hat aber keine Ahnung von den Feinheiten. Ich vermittele dem Dalai Lama gerne eine Praktikumsstelle im Altenheim und rede anschließend mit ihm darüber. Vielleicht kannst Du ja den Kontakt herstellen. Wir suchen immer Praktikanten.
Axel:
aber ich habe z.B. nichts dazu gefunden, was die praktische Arbeit von Pflegekräften in diesem Bereich angeht.


Das steckt sicher noch in Anfängerschuhen. Vielleicht fragst du http://www.sukhavati.eu/wohnen/pflege/
Aber die betreuen wohl derzeit erst eine/n Demenzerkrankten(ambulant)
Ich habe eine Freundin, die ihr ganzes Leben in der psychiatrischen Pflege von Kindern und Jugendlichen gearbeitet hat; sie ist keine "Buddhistin"; überhaupt hat sie sich sehr früh von "Religion" völlig abgewandt; sie hat aber eine Präsenz, ein Gewahrsein, eine Pragmatik und
(unausgesprochene) ethische Prinzipien, die wo mir vorbildlich sind und wo ich sagen würde, dass sie vielleicht auch den Worte des DL ohne Zögern zustimmen würde.
Morpho hat geschrieben:
Das steckt sicher noch in Anfängerschuhen. Vielleicht fragst du http://www.sukhavati.eu/wohnen/pflege/
Aber die betreuen wohl derzeit erst eine/n Demenzerkrankten(ambulant)

Vielen Dank für den link!
_()_
praktische Arbeit von Pflegekräften in diesem Bereich angeht.


Da kann ich nicht weiterhelfen. Muss es was buddhistisches sein ? Ich denke, es gibt diverse Fachliteratur zum Thema.

Er muss keine Ärsche abputzen, mit Vorgesetzten in der Pflege umgehen, sich mit dem MDK auseinandersetzen, 12 Nachtdienste am Stück in einer 'beschützten' (= geschlossenen) Abteilung in einem Altenheim überstehen usw

Hier hilft vielleicht MN 2:

18. "Welche Triebe, ihr Bhikkhus, sollten durch Erdulden überwunden werden?

Weise betrachtend erträgt da ein Bhikkhu Kälte und Hitze, Hunger und Durst, und Kontakt mit Stechfliegen, Moskitos, Wind, Sonne und Kriechtieren; er erträgt böswillige, unwillkommene Worte und entstandene körperliche Gefühle, die schmerzhaft, quälend, scharf, bohrend, unangenehm, schmerzlich und lebensbedrohlich sind. Während Triebe, Ärger und Fieber in einem entstehen könnten, der solche Dinge nicht erduldet, gibt es keine Triebe, keinen Ärger oder Fieber in einem, der sie erduldet. Diese nennt man die Triebe, die durch Erdulden überwunden werden sollten."
Bakram hat geschrieben:
Da kann ich nicht weiterhelfen. Muss es was buddhistisches sein ? Ich denke, es gibt diverse Fachliteratur zum Thema.

Warum postest Du dann was?

Da ich in der Altenpflege arbeite, ist mir klar, dass es 'diverse Fachliteratur zum Thema' gibt, und ich würde hier nicht nach 'buddhistischer Fachliteratur' suchen...
@Axel
Und wieder wird der Buddhismus mit einer der Allheil-Religionen verwechselt.

"Mach so oder so und Buddha wird es richten" - FALSCH

Übe die Lehre lange Zeit und vielleicht wirst Du, wenn Du Dich sehr bemühst, Hilfe in Dir selbst finden.

_()_


Vielleicht hat Jemand, der sich durch seinen Beruf so gestresst fühlt, die falsche Aufgabe für sich gewählt?
jianwang hat geschrieben:
@Axel
Und wieder wird der Buddhismus mit einer der Allheil-Religionen verwechselt.

"Mach so oder so und Buddha wird es richten" - FALSCH

Übe die Lehre lange Zeit und vielleicht wirst Du, wenn Du Dich sehr bemühst, Hilfe in Dir selbst finden.

_()_


Vielleicht hat Jemand, der sich durch seinen Beruf so gestresst fühlt, die falsche Aufgabe für sich gewählt?


Heiliger Spekulatius!
jianwang hat geschrieben:
Vielleicht hat Jemand, der sich durch seinen Beruf so gestresst fühlt, die falsche Aufgabe für sich gewählt?


Was für eine Anmaßung. Ohnehin erstaunlich, wie wenig Anteilnahme, Mitgefühl und Empathie in diesem Forum bei bestimmten Themen oft immer wieder herrschen.

Meine allergrößte Hochachtung vor all jenen, die einen Pflegeberuf ausüben! Vor allem auch im Hinblick auf unser aller Zukunft sollte es von Interesse sein, dass sich die beruflichen Bedingungen, unter denen Menschen in Pflegeberufen arbeiten müssen, endlich deutlich verbessern!

Wenn ich mir so manche Manager-Gehälter anschauen, dann würde ich diese Summen jedem Altenpfleger oder jeder Krankenschwester mehr gönnen!
Elke hat geschrieben:
Meine allergrößte Hochachtung vor all jenen, die einen Pflegeberuf ausüben!


Meine auch, überhaupt bei Demenzpatienten ist das nicht einfach, wie ich aus eigener Erfahrung weiß.

Morpho hat geschrieben:
Das steckt sicher noch in Anfängerschuhen. Vielleicht fragst du http://www.sukhavati.eu/wohnen/pflege/


Sehr interessant, danke für den Link. Würde ich gerne besuchen, wo sich doch gerade bei Krankheit und Tod Wert und Nutzen der Buddhalehre zeigt. Leider ist es über 1000 Km von meinem Wohnort entfernt, Axel hat es wohl näher.
Demenz ist ja so eine Sache, wo man grundsätzlichste buddhistische Aussagen ganz erschreckend konkret erfährt: Also das nicht nur Auesseres vergänglich ist, sondern auch Erinnerungen, Identität, Persönlichkeitsstruktur. Von daher ist es doch naheliegend, buddhistische Herangehensweisen da helfen können.

Von daher wundert es mich, dass es da nichts Spezielles zu dem Thema gibt.
Würde ich gerne besuchen


Ich nicht. Mir is sowas in der Art immer ein bisschen unheimlich.

Freuen tu ich mich, dass Heiligenfeld jetzt einen Standort in Berlin aufgemacht hat.
Einer der Gründer von Heiligenfeld, DR. Galuska, steht dem Buddha Dharma sehr nahe.
Sie wurden x mal als bester Arbeitgeber in diesem Bereich ausgezeichnet.
Hat nix direkt mit Demenz zu tun, aber man findet in dem Umfeld sicher auch Publikationen zum Thema, davon ausgehend Ärztinnen, TherapeutInnen ect. die wo da praktisch tätig sind;
die ja so Netzwerker.
void hat geschrieben:
Von daher wundert es mich, dass es da nichts Spezielles zu dem Thema gibt.

Mich auch. Zu Sterbebegleitung und Hospiz gibt's ja inzwischen ein bisschen was, aber das Buch 'Der buddhistische Altenpfleger' muss wohl noch geschrieben werden.
Auf der Seite des Upaya Zen Center findet sich:

MacDonald, Susan. "Exquisite care: The role of Buddhist practices in connecting with people with dementia."

Da haben die auch eine Veranstaltung
AN ETHICS OF CARE mit Stephen Batchelor.
Vielen Dank für den Artikel, void!

Jetzt brauch' ich nur noch jemanden, der mir den Flug und das Seminar finanziert... :mrgreen:
Axel hat geschrieben:
Lieber Karnatake,

vielen Dank für Deine Antwort.

So sehr ich auch den Dalai Lama oder andere Lehrende schätze: Er muss keine Ärsche abputzen, mit Vorgesetzten in der Pflege umgehen, sich mit dem MDK auseinandersetzen, 12 Nachtdienste am Stück in einer 'beschützten' (= geschlossenen) Abteilung in einem Altenheim überstehen usw.

Kurz: Der Dalai Lama ist in dieser Frage für das 'Große und Ganze' zuständig, hat aber keine Ahnung von den Feinheiten. Ich vermittele dem Dalai Lama gerne eine Praktikumsstelle im Altenheim und rede anschließend mit ihm darüber. Vielleicht kannst Du ja den Kontakt herstellen. Wir suchen immer Praktikanten.


Ich selbst arbeite seit Jahrzehnten in einem Behindertenheim. Ich habe immer wieder gehört, dass die Arbeitsbedingungen in der Altenpflege weit schwieriger sind. Ich weiß natürlich, dass gewisse Situationen in der Arbeit mit hochgradig dementen Menschen sehr provozierend wirken können. Auch weiß ich von mir selbst, dass Achtsamkeit und Kontrolle über destruktive Emotionen in der Nacht nicht gut funktionieren. ZWÖLF Nachtdienste am Stück - vielleicht auch noch allein auf der Station?? :eek: Pfff... ein Horror!
Axel hat geschrieben:
void hat geschrieben:
Von daher wundert es mich, dass es da nichts Spezielles zu dem Thema gibt.

Mich auch. Zu Sterbebegleitung und Hospiz gibt's ja inzwischen ein bisschen was, aber das Buch 'Der buddhistische Altenpfleger' muss wohl noch geschrieben werden.


Na ja, der Buddhismus orientiert sich ja nicht an bestimmte Berufsgruppen.
Es gibt ja auch kein Buch "der buddhistische Versicherungskaufmann".... :lol:
Im Gesundheitswesen ist allerdings der Stress größer als in anderen Berufen (meine Frau war vor kurzem alleine in der Nacht und hatte es mit 10 Geburten (!!) zu tun).
Die Frage ist nun? Wie mit dem Stress umgehen? Da gibt es immer mehrere Optionen.
1. Den Beruf wechseln bzw. ab in die Arbeitslosigkeit.
2. Im Beruf bleiben und prüfen, welche "geschickten Mittel" es gibt, mit dem Stress umzugehen.
3. Nicht auch noch in der Freizeit für den Beruf da sein.
Ich habe mich da wohl etwas ungeschickt ausgedrückt: Es geht mir nicht in erster Linie um den Umgang mit Stress - da gäbe es im Buddhismus in der Tat genug Mittel und auch sonst alles Mögliche von AT bis MBSR.

Es geht mir um eventuelle 'buddhistische' Theorien über das Krankheitsbild Demenz. Der Buddhismus verfügt ja über ausgearbeitete Theorien zu den Funktionen des menschlichen Geistes. Was ist da bei Demenz 'anders' und gibt es da Überlegungen, wie man so jemanden 'erreichen' kann?

In der 'herkömmlichen' Altenpflege gibt es z.B. die Methode der Validation - ich hätte mir vorstellen können, dass Ähnliches vor einem buddhistischen Hintergrund entwickelt worden ist.
Lieber Axel,

mein Lehrer sprach manchmal auch über das Leben "der einfachen Leute im alten Tibet". Er wuchs in einer Großfamilie auf und war ein Nomadenjunge.

Zum Thema Geburt, Alter, Krankheit und Tod sagte er, dass diese Themen sowohl in der buddhistischen Philosophie, als auch im gelebten Alltag der Menschen nichts Besonderes seien, lediglich Beginn, Verlauf und Ende eines Lebens. Viel wichtiger, als jeden dieser Faktoren, an denen nichts zu ändern sei, zu erörtern, sei wie wir dieses Leben leben, und womit wir unseren Geist füllen.

Zu eben diesem Wie-wir-leben gehört auch das Ehren von Vater und Mutter. In Tibet, (wie in Asien überhaupt), wurden ältere Menschen sehr geachtet. Sie lebten immer innerhalb ihrer Familien. Die Ältesten und Jüngsten der Großfamilie gehörten zusammen, da sie gemeinsam beim Zelt blieben und gemeinsam die leichteren Arbeiten verrichteten. ...

Auch bei nachlassender mentaler Leistung wurden dem, was die älteren Menschen sagten, Beachtung geschenkt. Dieser Geisteszustand stand dem alten Menschen zu. Alter, mit all seinen Erscheinungen, war ein normaler Teil des Lebens. ... Nicht wenige der älterer Menschen galten als weise, manche als Sprachrohr der Götter, deren Aussagen zu interpretieren waren.

Zog die Familie weiter, wurden die Großmutter/ der Großvater, die nicht mehr gut laufen konnten, in einen Korb gesetzt und dieser einem Yak/Pferd aufgeladen. Sie waren bis zu ihrem Tod umgeben von allen Familienmitgliedern und wurden liebevoll gepflegt. Sie hatten die schwere Arbeit in die Hände der heranwachsenden und erwachsenen Nachkommen gelegt und bekamen nun im Gegenzug die Liebe und Pflege, die sie zuvor gegeben hatte. Das, was sie empfanden, war die Freude über das wohlverdiente Ausruhen und die Geborgenheit des Lebensabends im Kreise der Angehörigen.

Somit hatten sie auch nie das Gefühl, ausgegrenzt (überflüssig, lästig) zu sein, und infolge kamen weder Angst, Frustration, noch Trauer etc. auf, die zu innerer und äußerer Unruhe, schnell nachlassender Lebensfreude, (und auch zum vorzeitigen Tod), führen (können).

Vielleicht ist dies der Grund, weshalb es so wenig Schriftliches zu diesem Thema gibt.

LG mkha`
Schön und gut, hat aber kaum was mit Demenz zu tun. Das ist eine schwere Krankheit und kein gewöhnliches Nachlassen mentaler Kräfte.

Die Tibetische Medizin soll doch so umfassend sein, kommt da Demenz nicht auch vor?
Liebe mkha',

danke für Deinen Beitrag. Ich kann allem, was Du schreibst, nur zustimmen. Aber bedenke bitte, dass ich über den Umgang mit Demenz schreibe. Das ist keine 'nachlassende mentale Leistung'. Sprachliche Fähigkeiten verfallen schrittweise. Auch eine liebevolle non-verbale Kommunikation durch Gesten, Mimik, Berührung stößt oft an Grenzen. Es gilt, selbstschädigendes Verhalten und Verhalten, dass andere Bewohner schädigen könnte, zu unterbinden. Oft kommen Halluzinationen hinzu. Nachts habe ich es mit über vierzig Bewohnern zu tun und muss oft an mehreren 'Baustellen' gleichzeitig eingreifen. Vielleicht siehst Du, wo die Unterschiede liegen.

Natürlich verstehe ich, dass es aus Tibet wenig 'Schriftliches' zu der Problematik gibt. Aber ich bin schon etwas verwundert, dass der 'westliche Buddhismus' da anscheinend relativ wenig zu sagen weiß.

Karnataka hat geschrieben:
ZWÖLF Nachtdienste am Stück - vielleicht auch noch allein auf der Station?? :eek: Pfff... ein Horror!

Nur, um mich hier nicht als 'Märtyrer' darzustellen: Zwölf ist nicht die Normalität. Normal sind eher 6-8 Nächte (natürlich alleine), bei denen, die Dauernachtdienst machen, sind 8 Tage, denke ich, ziemlich normal, allerdings dann auch etwas mehr frei.
War eigentlich nen Hinweis auch auf die Anthroposophie, das mit Heiligenfeld.
Vielleicht hat Jemand, der sich durch seinen Beruf so gestresst fühlt, die falsche Aufgabe für sich gewählt?


Das ist aber sehr unbedacht geäußert :wink: .
Unterhalte Dich mal mit jemanden, der in der Pflege arbeitet...
LG
Lilli (in der Pflege arbeitend)

PS: Herr und Frau Galuska (Klinik Heiligenfeld) waren Schüler von Ayya Kema.
Während eines Praktikums hatte ich bisher nur kurzes "Vergnügen" mit einem dementen Patienten. Dieser war sehr aggressiv gegenüber Ausländern. Blöd nur, dass (fast) sämtliche Pflegerinnen und Pfleger auf dieser Station einen "Migrationshintergrund" hatten. Oft ist es so, dass sich viele demente an alte Lieder erinnern. Dieser Patient sang nachts laut alte Nazi Lieder - das war eine Herausforderung für das gesamte Pflegepersonal. Als er eine Spritze bekommen sollte war er so aggressiv, dass er "fixiert" werden musste.

Während meines Praktikums durfte ich ihm seinen Brei reichen. Da war er ruhig. Ich konnte mir aber auch Zeit für ihn nehmen und behandelte ihn wie einen Erwachsenen, nicht wie ein Kind oder gar wie ein Tier (man sagte "Essen reichen", nicht "füttern" oder "Schutzhose" und nicht Windel). Er verstand es sogar, seine Tabletten zu kauen. An seine beiden Töchter, die während dieser Zeit nicht da waren, konnte er sich nicht erinnern.

Ich glaube nicht, dass es Aufgabe des Buddhismus ist, für solche Situationen ein Rezept zur Verfügung zu stellen. Hier muss die Politik reagieren, was sie teilweise ja auch schon getan hat, indem sie Demenz als eigene Pflegestufe anerkannt hat.
Metta auszubilden ist ein Grundpfeiler buddhistischer Übung und wird im Umgang mit Demenzkranken zu einem Schwerpunkt. Da kann oder muss man wirklich intensiv daran arbeiten, Geduld, Toleranz und trotzdem-Wohlwollen zu entwickeln.
Lieber Axel,

nur noch ein paar Anmerkungen - ich wünsche, ich könnte Dir mehr anbieten.
„Natürlich verstehe ich, dass es aus Tibet wenig 'Schriftliches' zu der Problematik gibt..“
Ich dachte zunächst, Du meintest, ob es irgendwelche Hinweise in den vier Medizin-Tantras, (Gyushi, Wyl. rgyud bzhi), gibt.

Dass die Demenz nicht bekannt war, ist meines Erachtens nicht besonders verwunderlich. Die Menschen lebten in einem gesunden Umfeld, arbeiteten hart, und aßen in Maßen. ... Meines Wissens besagt der Stand der Forschung, dass die Demenz aufgrund einer genetischen Disposition, und/oder infolge einer Minderdurchblutung bestimmter Hirnareale durch Gefäßveränderungen (Zivilisationskrankheiten, deren Folgeerscheinungen, und Nikotinabusus) entsteht, und zudem die Wahrscheinlichkeit, an einer Demenz zu erkranken, proportional zum Lebensalter steigt.

Durch meinen obigen Beitrag wollte ich eigentlich nur aufzeigen, dass die Demenz, so wie sie hier in den Lehrbüchern beschrieben wird, im „alten Tibet“ nicht bekannt war, dass aber das Miteinander im Zusammenleben mit älteren Menschen auf natürliche Weise den Inhalten der 10 Grundsätze der Validation nach Veil entsprach. (Ich gehe davon aus, dass dies in den anderen asiatischen Ländern ebenso war.)
….
„Es geht mir um eventuelle 'buddhistische' Theorien über das Krankheitsbild Demenz.“
Wenn es sich so verhält, dass die obengenannten Komponenten maßgeblich zum Ausbruch der Demenz beitragen, dann ist die Aufforderung, den Körper, als Gefäß des Geistes, der uns das Studium des Dharmas ermöglicht, pfleglich zu behandeln, das erste präventive Gebot. Darunter fiele u.a. das Abstehen von schädigenden Substanzen, so wie eine maßvolle Ernährung.
„Der Buddhismus verfügt ja über ausgearbeitete Theorien zu den Funktionen des menschlichen Geistes.“
Ja, in der Tat – über die Funktionen eines intakten menschlichen Geistes. … (möglicherweise wird man sich ja eines Tages mit der Existenz älterer dementer Mönche konfrontiert sehen.)

Bislang heißt es in den Schriften lediglich, der kostbare menschlichen Körper sei äußerst schwer zu erlangen. Er sei wertvoll, da er mit acht Freiheiten und zehn Ausstattungen versehen sei.

Bei der Freiheit von acht hemmenden Umständen wird die Freiheit von schwerer geistiger Behinderung mit der Begründung erwähnt, dass man ohne diese Freiheit nicht praktizieren könne oder dies nicht tun wolle. Eine der zehn Ausstattungen, von denen sich fünf auf die Person selbst beziehen, lautet, man habe all seiner Sinne mächtig zu sein.
Was ist da bei Demenz 'anders' und gibt es da Überlegungen, wie man so jemanden 'erreichen' kann? …. ich bin schon etwas verwundert, dass der 'westliche Buddhismus' da anscheinend relativ wenig zu sagen weiß.
Ich setze voraus, dass Du mit der Frage, was bei der Demenz 'anders' sei, nicht den medizinisch-pathologischen Befund ansprichst, sondern wissen möchtest, was aus Sicht der buddhistischen Philosophie „defekt“ ist, ob irgendjemand eine logische Vorstellung von einer Brücke über, oder durch die Barriere hat. Ist das korrekt?

Ich weiß, es wäre sowohl für die Erkrankten, als auch für Pflegekräfte eine wunderbare Sache, wenn es gelingen würde, hirnorganische Veränderungen nicht nur zu verlangsamen, sondern zukünftig auch zu verhindern.

Bislang ist es leider so, dass das Wort dementia das Resultat eines schweren Verlaufs aufzeigt: dē-mēns, ohne Geist, … (und einige robustere Übersetzungen)

Der „westliche Buddhismus“ bietet meines Wissens Kurse mit gängigen Inhalten an, mehr ist mir nicht bekannt. Wichtig erscheint mir jedoch auch hier, beide Komponenten (Weisheit & Methode), die praktische (liebendes Mitgefühl etc.) und die Theoretische ("Geistestraining") der buddhistischen Philosophie zu entwickeln.

Noch eines, Axel, Ihr, Deine Kollegen und Du, solltet Euch zusammensetzen und reden. Es ist immer möglich, den status quo zu ändern. Gemeinsam ist man stark - zum Wohle aller.

LG mkha‘
mkha' hat geschrieben:
Dass die Demenz nicht bekannt war, ist meines Erachtens nicht besonders verwunderlich.


Also ich kann mich aus dem tibetischen Buddhismus an einen Text erinnern, wo es darum ging, sich die Vergänlichkeit des eigenen Köpers in Erinnerung zu rufen und das wurde sehr detailiert auf Alter und Krankheit eingegangen. Also wie Sehkraft und Hörvermögen nachlassen, dass man zum gehen einen Stock braucht und eben auch, wie die geistigen Kräfte nach und nach weniger wird, und man "hilflos lallend wie ein Säugling" wird. Sowas würde ich als Zeichen dafür werten, dass den Autoren Alterverirrung und Demenz nicht unbekannt sind. (ich kann mir vorstellen, dass man unter harten Lebensbedingungen zwar nicht so alt wird, dass aber dann die Altererscheinungen eben mit 60 statt mit 90 auftreten. )

Ich denke, es hat sich bei uns erst im letzen Jahrhundert eine Veränderung der Sichtweise ergeben, die vom Erlahmen und Verkalken hin zu einer Vorstellung einer "Krankheit Demenz" ging. Weil ja bei einer Krankheit immer die Möglichkeit von Heilung und Therapie mitgedacht ist, während das ja bei der Altererscheinung und beim Verschleiss nicht so gesehen wird.

Die Sicht als Krankheit ist auf der einen Seite natürlich optimistischer, der Nachteil der Idee Krankheit ist aber, dass man sich da auch immer was gesundes dazuimaginieren kann. Während ja "Verschleiss" was Schicksalhaftes hat.

Und dieses Schicksalhaftes hat ja auch so seine eigene (oftmals würdelose) Würde. So wie der Tote den Lebenden ein Moment Mori sein kann, kann ja auch der Demente dem jungen Menschen seine eigene Zukunft und Beschränktheit zeigen. Demente sind ja oft wirklich leicht gruselig in der Art wie sie nicht mehr von dieser Welt sind. Als meine Oma sehr alt und auch verwirrter war, sprach sie von ihrer Reise und dass sie nach Amerika gehen würde. Ich schätzte, dass viele Tibeter so jemanden als "mit einem Fuss im Bardo stehend" sehen würden, und die Ausserungen als in diese Richtung gehend auffassen würden. Ich kann mir vorstellen, dass das Greisentum mit seiner Würde und seinem Verfall in vielen Gesellschaften auch als ein Zustand nahe an der geistigen Welt mit seinen Bardos gesehen wurde und der Demente so als eine Art von Medium.

Es ist vielleicht die Frage, wie man dem an der Grenze stehenden erlaubt sich zu äußern, oder ob man darin etwas rein "Krankes" oder zu Bannendes und Verdrängendes sehen will. Aber das ist ja mehr so ein gesellschaftliche Frage, die den Pflegenden bei ihrem schweren Job nicht hilft.
Lieber Axel,

wahrscheinlich sind Dir folgende Verhaltensweisen bekannt:


Validation nach Naomi Feil

 -der demente Mensch wird so akzeptiert wie er ist

 -der Rückzug in die Vergangenheit wird respektiert

 -seine Verhaltensweisen werden nicht verkindlicht


 -er wird nicht korrigiert ("Ihre Mutter ist doch schon tot")


 -er wird nicht abgelenkt ("Nun gehen wir erst einmal einen Kaffee

trinken.")


 -seine Gefühle werden nicht heruntergespielt ("Wer wird denn bei

solch einem Wetter traurig sein")

 -er wird nicht getadelt ("Das ist aber gar nicht schön,

dass sie so böse sind.")

 -es wird nicht nachgebohrt ("Jetzt denken sie doch

mal nach - wie war das genau")


- man muss sich auf den dementen Menschen einstellen und

eigene Gefühle zurückstellen

 -wichtig ist ein aufrichtiger Blickkontakt!

 -es wird in einer deutlichen, tiefen und liebevollen Stimme

gesprochen

 -es kann Körperkontakt hergestellt werden

 -die Kernaussage eines Gespräches wird wiederholt

und die gleichen Schlüsselwörter benutzt

 -es wird dem dementen Menschen Zeit gegeben,

um sich auszudrücken, was in ihm vorgeht.

Bei Interesse schicke mir eine p.N. Dann kann ich Dir per E-Mail die komplette Präsentation des Vortrages schicken, der im Rahmen unserer Ausbildung vorgetragen wurde.
void hat geschrieben:
Ich denke, es hat sich bei uns erst im letzen Jahrhundert eine Veränderung der Sichtweise ergeben, die vom Erlahmen und Verkalken hin zu einer Vorstellung einer "Krankheit Demenz" ging. Weil ja bei einer Krankheit immer die Möglichkeit von Heilung und Therapie mitgedacht ist, während das ja bei der Altererscheinung und beim Verschleiss nicht so gesehen wird.


Vielleicht sind nicht alle Demenzformen eine Krankheit, aber bei Alzheimer sorgt ein rapider Verfall der Gehirnzellen für ganz massiven geistigen Abbau, Am Ende weiß man nicht mehr wer und wo man ist, geschweige denn dass man Irgendjemanden auch in kurzen Zeiträumen wiedererkennt, Bei der Person mit der ich zu tun hatte kam es zur strikten Verweigerung von Nahrung und Körperpflege, es gab nur mehr ein paar sich den ganzen Tag wiederholende Sätze ohne Realitätsbezug. Sie saß im Rollstuhl weil sie das Gehen verlernt hat, wie ein völlig hilfloses Baby in einer anderen Welt. Und Alzheimer ist bis dato unheilbar.

Ich glaube auch nicht dass der Buddhismus hierzu spezielle Erkenntnisse liefern kann. Es ist eine degenerative Erkrankung auf die man sich als Pfleger einstellen muss, wie mittels dieser Validation.

Wer ist online?

Insgesamt sind 9 Besucher online. Im Detail: 3 sichtbare Mitglieder (oder Bots), 0 unsichtbare Mitglieder und 6 Gäste
Der Besucherrekord liegt bei 214 Besuchern, die am 27.02.2017 23:21 gleichzeitig online waren.

Mitglieder in diesem Forum: mukti, Raphy und 6 Gäste