Sartres Ekel.

Moderator: void

Guten Morgen,

Ich habe mich gerade an das Buch "Ekel" (La nausée) von Sartre erinnert und zwar an eine gewisse Passage, die mich schon damals sehr beeindruckt hat. Ich habe es vor mehreren Jahren gelesen und fragte mich damals nicht, in welchem Zusammenhang die Erfahrung des Protagonisten (Antoine Roquentin) mit dem Buddhismus steht. Meiner Meinung nach "erfährt" Antoine Roquentin eine art "Erkenntnis" der Vergänglichkeit, der Unbeständigkeit der Welt, ja gar der "Leere" (In diesem Falle natürlich höher betont mehr des Ekels) also eine art "Negatives Satori". Mich würde interessieren, wie ihr, diese Erfahrung, buddhistisch beurteilen würdet oder ob es gewisse Ähnlichkeiten zur Lehre gibt.

Hier der Text.
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Also, ich war gerade im Park. Die Wurzel des Kastanienbaums bohrte sich in die Erde, genau unter meiner Bank. Ich erinnerte mich nicht mehr, dass das eine Wurzel war. Die Wörter waren verschwunden und mit ihnen die Bedeutung der Dinge, ihre Verwendungsweisen, die schwachen Markierungen, die die Menschen auf ihren Oberflächen eingezeichnet haben. Ich saß da, etwas krumm, den Kopf gesenkt, allein dieser schwarzen und knotigen, ganz und gar rohen Masse gegenüber, die mir angst machte. Und dann habe ich diese Erleuchtung gehabt.

Das hat mir den Atem geraubt. Nie, vor diesen letzten Tagen, hatte ich geahnt, was das heißt: „existieren“. Ich war wie die anderen, wie jene, die am Meer entlangspazieren, in ihrer Frühjahrsgaderobe. Ich sagte wie sie:“Das Meer ist grün; dieser weiße Punkt da oben, das ist eine Möwe“, aber ich fühlte nicht, dass das existierte, dass die Möwe eine „existierende Möwe“ war; gewöhnlich verbirgt sich die Existenz. Sie ist da, um uns, in uns, sie ist wir, man kann keine zwei Worte sagen, ohne von ihr zu sprechen, und, letzten Endes, berührt man sie nicht. Wenn ich glaubte zu denken, dachte ich im Grunde gar nichts, mein Kopf war leer, oder ich hatte gerade nur ein Wort im Kopf, das Wort „sein“. Oder aber ich dachte…wie soll ich sagen? Ich dachte die Zugehörigkeit, ich sagte mir, dass das Meer zur Klasse der grünen Gegenstände gehörte oder Grün eine der Eigenschaften des Meeres war. Sogar wenn ich die Dinge ansah, war ich meilenweit davon entfern, daran zu denken, dass sie existierten: Sie waren für mich nur Dekor. Ich nahm sie in meine Hände, sie dienten mir als Werkzeuge, ich sah ihre Widerstände voraus. Aber das alles spielte sich an der Oberfläche ab. Wenn man mich gefragt hätte, was die Existenz sei, hätte ich im guten Glauben geantwortet, dass das nichts sei, nichts weiter als eine leere Form, die von außen zu den Dingen hinzuträte, ohne etwas an ihrer Natur zu ändern. Und dann plötzlich: auf einmal war es da, es war klar wie das Licht: Die Existenz hatte sich plötzlich enthüllt. Sie hatte ihre Harmlosigkeit einer abstrakten Kategorie verloren: sie war der eigentliche Teig der Dinge, diese Wurzel war in Existenz eingeknetet. Oder vielmehr, die Wurzel, das Gitter des Parks, die Bank, das spärliche Gras des Rasens, das alles war entschwunden; die Vielfalt der Dinge, ihre Individualität waren nur Schein, Firnis. Dieser Firnis war geschmolzen, zurück blieben monströse und wabbelige Massen, ungeordnet – nackt, von einer erschreckenden und obszönen Nacktheit.

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LG
Hund
Sicher ist es buddhistisch
Aber es geht dabei nur um die Dinge
Da fehlt noch der Mensch :)
LG mit ❤
Hallo Hund,

my Sixpence:

Roquentins Sicht der Dinge - vor und nach dem "Erahnen seiner Kokonexistenz"
Vorher:
gewöhnlich verbirgt sich die Existenz. Sie ist da, um uns, in uns, sie ist wir, man kann keine zwei Worte sagen, ohne von ihr zu sprechen, und, letzten Endes, berührt man sie nicht. ... ich hatte gerade nur ein Wort im Kopf, das Wort „sein“. ...

Nachher:
.... alles war entschwunden; die Vielfalt der Dinge, ihre Individualität waren nur Schein, Firnis. Dieser Firnis war geschmolzen, zurück blieben monströse und wabbelige Massen, ungeordnet – nackt, von einer erschreckenden und obszönen Nacktheit. ...

Die buddhistische Philosophie ist die Lehre des Mittleren Weges, das heißt, sie postuliert weder, dass es die Dinge gibt, noch, dass es sie nicht gibt - eine feine Ballance zwischen Substantialismus und Nihilismus - (bis man, so heißt es, spontan keine "Gehstützen" mehr benötigt, und "darüber-hinaus-geht" ...).

Dass, was dem werten Herrn R. widerfährt, ist das plötzliche Aufwachen in (s)einer ihm nichtssagenden, banalen Alltagswelt, ... einer Welt, für deren Zuschreibungen er keine Worte mehr findet, ...
"Die Wörter waren verschwunden und mit ihnen die Bedeutung der Dinge, ihre Verwendungsweisen, ..."

... aber das, was er auf der überbelichteten Momentaufnahme wahrzunehmen glaubt, wird ihn, den Suchenden,(zumindest m.E.), in die nächsten seiner mit eigenem Geist kreierten "Kastenteufel-Welten" führen.

LG mkha´
Hund hat geschrieben:
die Vielfalt der Dinge, ihre Individualität waren nur Schein, Firnis. Dieser Firnis war geschmolzen, zurück blieben monströse und wabbelige Massen, ungeordnet – nackt, von einer erschreckenden und obszönen Nacktheit.


Ich glaube, dass so Augenblicke, wo man kurz erfährt, das alles nur Schein ist, gar nicht so selten sind. Aber dass man darauf dann eher wie Sartres Protagonist reagiert. Mit Angst und Ekel. Ekel ist ja immer mit dem Wunsch nach Distanzierung verbunden. Etwas tritt einem zu Nahe, so dass man wieder eine rettende Distanz herstellen will.

Weil das was für jemanden Geduldigen vielleicht positiv als Verbundenheit wahrgenommen wird, negative als widerliches, distanzloses Gewabbel gesehen wird.

Von Stephen Batchelor gibt es das Buch "Mit anderen allein. Eine existentialistische Annäherung an den Buddhismus." wo er versucht Buddhismus und Existentialismus in Dialog treten zu lassen.
Heute ist es Arsch kalt geworden würden sein.
Wer will da nicht lieber seinen Kaffee mit 3.5% H-Milch oder gar Kaffesahne trinken, als mit 0,5% Staub?
Angst und Ekel überfallen einen erst substantiell, wenn der Arsch kalt wird.
Meine Fresse, war das heute kalt geworden sein würden.
Da buddhistische Parallelen zu erkennen ist natürlich verlockend.
Nun war Sartre ein franz. Philosoph, der mittels Romanen versuchte, seine eigene Theorie (Existentialismus) unter die Massen zu bringen. Die beschriebene Szene ist deshalb auch dahingehend zu beleuchten, inwieweit er sie sie ggf. als geschicktes Mittel verwendet, damit sich am Ende sozusagen der Existentialismus als Quintessenz ergibt.

Spätestens nach Nietzsches "Gott ist tot" war den meisten Philosophen klar, dass (christliche) Religion doch nicht in der Lage war, für wiss. denkende Menschen eine letztgültige Begründung von Existenz zu liefern. Deshalb konnte sie auch nicht mehr als tragender Fixpunkt dienen für eine Suche nach Sinn im Leben, So ein Sinn, würde man ihn finden, wäre hilfreich, um z.B. Ethiken abzuleiten und dem eigenen Leben Richtung zu geben.

Der Rouquentin in o.g. Buch sucht Sinn in seinem Leben, sucht Notwendigkeiten, um seine eigene Existenz zu rechtfertigen. Er findet aber im täglichen Leben wenig, statt dessen viel Sinnlosigkeit und Zufall der Existenz. Das führt bei ihm zu Melancholie und einem gewissen Ekel vor seinem Leben.
In der Szene im Park wird ihm plötzlich klar, dass er die Welt (Existenz) bisher nie direkt, sondern immer durch die Brille von vorgefertigten Kategorien und Begriffen gesehen hat, die zwar Sinn lieferten, der aber gar nicht aus der Welt kam, sondern aus der Bedeutung der Kategorien und Begriffe. Und die waren menschengemacht. Beim Anblick der Wurzel gelingt es nun R, zum ersten Mal ohne diese Brille die Existenz direkt zu sehen (wie das gehen soll, verschweigt Sartre leider und Hermeneutiker wie Gadamer würden einwenden, das sei schlichtweg unmöglich, insbesondere, wenn man das Ergebnis des Anblicks dann doch wieder in Begriffe fasst). Wie dem auch sei, dem R.gelingt das und ihm wird klar, dass in der Existenz selber gar kein feststehender Sinn enthalten ist. Am Ende des Romans findet R. dann auch noch den nach Sartre richtigen Ausweg: Wir Menschen müssen selber Sinn geben, auf feste Fundamente können wir uns aber nicht stützen, sondern müssen jeweils neu beim Individuum in seiner Zeit ansetzen.

Hm, ist das nun buddhistisch? Oder ist die beschriebene Szene vielleicht eine weitere Instanz von Illuminationserlebnissen, die zu allen Zeiten geschickt verwendet wurden, um die eigene Theorie im Numinosen zu verankern? Also, ich denke, Sartre würde zustimmen, wenn man den Buddhismus selber praktisch lebt, als Eine von mehreren möglichen Antworten auf das Existenzproblem.
Ist dieses Sartre nicht nach Stammheim gefahren um die Hohepriester der Freiheit von seiner Göttlichkeit zu überzeugen?
Philosopisches Kopfkino: Existentialismus:

http://www.3sat.de/mediathek/?mode=play&obj=29086
Spacy schrieb:
Ist dieses Sartre nicht nach Stammheim gefahren um die Hohepriester der Freiheit von seiner Göttlichkeit zu überzeugen?

Genau der war das. Die Linken hatten Sartre entdeckt, weil sein Existentialismus philosophische Rückendeckung für revolutionären Ideen bot. Heute ist der Enthusiasmus deutlich abgeflaut, weil man im Grunde jede Ideologie bei ihm verankern könnte, solange sie sagt: 'mein Ausgangspunkt ist der individuelle Mensch'. Auch den Buddhismus könnte man hier unterbringen, deshalb ist die Ausgangsfrage dieses Threads durchaus interessant. Die Sorge um das Individuum wäre im Mitgefühl und im Bodhisattvaideal gegeben, die Entsprechung zum Fehlen von höherem lenkendem Sinn wäre das 'Entstehen in Abhängigkeit', und die Geste der Erdberührung durch den Buddha passt auf die Idee, dass man selbst Verantwortung übernehmen muss, dafür wie man geworden ist und wohin man steuert. Was der R. in dem Park treibt könnte man wohl auch als Meditation bezeichnen.
Letzten Endes findet man in allen Systemen, Ideologien, Glaubensmodellen Gemeinsamkeiten. Sie alle entspringen nämlich der menschlichen Phantasie, welche von den menschlichen Trieben geformt wird.

Die Unterschiede zwischen den Systemen bestehen lediglich darin, welche Triebe in den jeweiligen Ideologien vorherrschen.
K-Dorje hat geschrieben:
Da buddhistische Parallelen zu erkennen ist natürlich verlockend.
Nun war Sartre ein franz. Philosoph, der mittels Romanen versuchte, seine eigene Theorie (Existentialismus) unter die Massen zu bringen.


Sartre hat ja zuerst (1983)den Roman geschrieben, und erst später (1943) seine Ideen philosophisch gefasst, was dann als Existentialismus bezeichnet wurde.

Spacy hat geschrieben:
Ist dieses Sartre nicht nach Stammheim gefahren um die Hohepriester der Freiheit von seiner Göttlichkeit zu überzeugen?


Ja. Ich finde die anfänglichen Gedanken die Existenz vor irgendeine Essenz zu stellen, gingen in eine Richtung die mit dem Buddhismus kompatibel sind.

Während dann aber daraus der gegenteilige Schluss geschlossen wurde, dass der Mensch sozusagen sich selber erst als ein "Projekt" schaffen muss. Von daher war er dann von radikalen Leuten angezogen, die ihr Leben einer Idee opfern wie Che Guevara oder Andreas Bader.

Die Ahnung, dass kein festes Ich vorhanden ist, führte also zu einer Trotzreaktion, dann erst recht soetwas zu schaffen. Um nicht ekilige Matschepampe zu sein, sondern sich nach einem Ideal selber zu schaffen.

Letztendlich ist das aber nur eine Flucht, weil er den "Ekel" ( bzw Dukkha) nicht erträgt.
void hat geschrieben:
Ja. Ich finde die anfänglichen Gedanken die Existenz vor irgendeine Essenz zu stellen, gingen in eine Richtung die mit dem Buddhismus kompatibel sind.

Während dann aber daraus der gegenteilige Schluss geschlossen wurde, dass der Mensch sozusagen sich selber erst als ein "Projekt" schaffen muss. Von daher war er dann von radikalen Leuten angezogen, die ihr Leben einer Idee opfern wie Che Guevara oder Andreas Bader.

Die Ahnung, dass kein festes Ich vorhanden ist, führte also zu einer Trotzreaktion, dann erst recht soetwas zu schaffen. Um nicht ekilige Matschepampe zu sein, sondern sich nach einem Ideal selber zu schaffen.

Letztendlich ist das aber nur eine Flucht, weil er den "Ekel" ( bzw Dukkha) nicht erträgt.

Ein Brief (voller Dukkha) von Gudrun Ensslin an Andreas Baader.

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